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Paläontologie mit der Spitzhacke und Spaten

Lehrgrabung für Nachwuchswissenschaftler

Sommer, Sonne, Sandburgen bauen - wenn Deutsche in Holland Urlaub machen, bringen sie gerne eine Sandschaufel mit. Auch Paläontologen der Universität Bonn reisten jetzt mit allerlei Grabungswerkzeug zu unseren westlichen Nachbarn, allerdings mit ganz anderen Motiven: Fast zwei Wochen buddelten Schüler und Studierende aus Deutschland, Norwegen und Österreich im holländischen Winterswijk nach Fußspuren und Knochen von prähistorischen Tieren. Die Lehrveranstaltung für angehende Paläontologen und Biologen fand unter der Leitung des Institutes für Paläontologie der Universität Bonn in Zusammenarbeit mit der Werkgruppe Muschelkalk Winterswijk und dem Museum Naturalis Leiden statt.

Der Meißel schiebt sich unter dem Druck der Hammerschläge langsam zwischen die Steinplatten. Die Studierenden heben sie vorsichtig an. Wieder erscheint ein fünfzehiger Fußabdruck. Er glänzt neben den anderen, die  bereits freigelegt in der Sonne trocknen. "Den Spuren zu folgen und zu wissen, in welche Richtung das Tier vor ungefähr 240 Millionen Jahren gelaufen ist - das ist Paläontologie live", freut sich die Biologie-Studentin Lesley Szostek, die aus Konstanz am Bodensee angereist ist. Sie hilft die so genannten "Trittsiegel" und Knochenfunde zu bergen. Anschließend wird sie in einem Praktikum am Bonner Institut lernen, die Funde fachgerecht zu präparieren.

"Für die Studierenden ist solch eine Lehrgrabung eine gute Gelegenheit, die theoretische Wissenschaft mit der praktischen Arbeit eines Paläontologen zu verbinden", betont Privatdozent und Kustos des universitätseigenen Goldfuß-Museums für Paläontologie, Dr. Martin Sander. Er leitete die Grabung zusammen mit Dr. Nicole Klein, Präparator Olaf Dülfer und dem Diplom-Paläontologen Christian Kolb.

Die Fundstelle liegt ein einem aktiven Steinbruch nahe dem holländischen Städtchen Winterswijk. Für die Niederlande ungewöhnlich ist, dass die Gesteinsschichten des Muschelkalks hier an die Oberfläche treten. Sie entstanden vor etwa 240 Millionen Jahren. "Neben den weltberühmten Fossilien aus der Kreide-Zeit in der Gegend um Maastricht ist Winterswijk die einzige Stelle, wo wir ältere Schichten finden; der Rest der Niederlande besteht überwiegend aus jungen Ablagerungen, die höchstens 1,8 Millionen Jahre alt sind", erklärt Dr. Sander.

Bekannt ist der Steinbruch, den man nur mit einer Genehmigung betreten darf, schon lange wegen der besonders gut erhaltenen Saurierfunde: Neben Laufspuren von fünf verschiedenen Reptilien finden Sammler immer wieder Knochen, Schädel und Zähne, sogar ganze Skelette von Meeresreptilien wie den kleinen Pachypleurosauriern (Dickrippensauriern) und Nothosauriern (Bastardsaurier) oder auch verschiedene Fische und Muscheln.

Wie kommen aber Fährten von laufenden Reptilien mit Knochen von schwimmenden Tieren in ein und dieselbe Schicht? Die Wissenschaftler erklären sich diese nahezu einzigartige Kombination mit periodischen Überschwemmungen und dem raschen Trockenfallen des damaligen Meers: Die eidechsenähnlichen Fährten stecken meist in einer Gesteinslage, die schüsselförmige Vertiefungen aufweist, umgeben von fossilen Trockenrissen, wie man sie heute oft nach Regengüssen auf getrocknetem, tonigen Boden sieht. "Die Tiere sind wahrscheinlich auf dem feuchten Boden gelaufen, wenn sich das Meer wieder zurückzog, möglicherweise auf der Suche nach Aas von Meeresreptilien, die die Flut zurückgelassen hatte", sagt Dr. Sander. Wie die Verursacher der Fährten genau aussahen, ist bislang unbekannt. "Sicher ist nur, dass sie sich schlängelnd wie Eidechsen fort bewegten und wahrscheinlich auch so ähnlich aussahen - die echten Eidechsen gab es allerdings erst 50 Millionen Jahre später."

Einige Hobby-Wissenschaftler aus Winterswijk, die sich mit ihren Privat-Sammlungen bereits einen Namen gemacht haben, unterstützen die Gruppe durch ihr Wissen, aber auch mit Muskelkraft. Das Ausgraben mit Spitzhacke, Hammer und Meißel ist harte Arbeit, die anschließende Bergung und das Verpacken der Funde ebenso. "Bei brütender Hitze oder Dauerregen kommt man schon an seine Grenzen", verrät der Schüler Kai Jäger aus Bonn, der nach dem Abitur Geologie und Paläontologie studieren möchte. Auch Nachwuchswissenschaftler aus Norwegen und Österreich nutzten die Gelegenheit, die Organisation und Planung einer Grabung kennen zu lernen.

Behalten dürfen die Studierenden die Fossilien natürlich nicht: Die Platten mit den Fährten sind für das Bonner Goldfuß-Museum und die teilnehmenden Institutionen bestimmt; die Skelette gehen nach der wissenschaftlichen Untersuchung in Bonn an das holländische nationale Museum für Naturgeschichte "Naturalis" in Leiden - aber das stolze Gefühl der Entdeckung "seiner" Fossilien nimmt jeder mit nach Hause. Ausgewählte Funde kann man ab Oktober im Goldfuß-Museum bewundern.

Kontakt:
Dr. Martin Sander
Institut für Paläontologie der Universität Bonn
Telefon: 0228/73-3105
E-Mail:
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Fotos: Anja Meyer, Uni Bonn.

Grabungsleiter Martin Sander auf der Grabungsfläche. Was wie Mosaikplatten aussieht, sind die Trockenrisse, die einen Horizont mit Fußspuren überziehen.
Die Exkursionsteilnehmer legen die Fußspuren frei.
Die Fährtenplatten werden gezeichnet, bevor sie für das Museum geborgen werden.
Die Funde werden in der Schaufel des Radladers aus der Grube gebracht.
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