Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Sections
Sie sind hier: Startseite Die Universität Informationsquellen Presseinformationen 2005 \"Dschingis Khan fasziniert noch heute!\"

\"Dschingis Khan fasziniert noch heute!\"

Am 16.6. eröffnet die Mongolei-Ausstellung - nicht zuletzt dank tatkräftiger Mithilfe von Bonner Forschern

Am kommenden Donnerstag eröffnet in der Bonner Kunst- und Ausstellungshalle die Mongolei-Ausstellung "Dschingis Khan und seine Erben". Der Ort ist kein Zufall: Bonn zählt weltweit zu den Top-Adressen für Mongolei-Forschung. Wissenschaftler der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität haben den Organisatoren der Schau bei fachlichen Fragen mit Rat und Tat zur Seite gestanden.

Vor 800 Jahren wurde aus dem mongolischen Krieger Temüdschin "Dschingis Khan". Zum Zeitpunkt seiner Ernennung durch eine Versammlung von Stammesfürsten herrschte Temüdschin bereits über weite Teile der Mongolei. Der "feste" oder "ungestüme" König - noch heute streiten sich die Gelehrten über die genaue Bedeutung des Wortes "Dschingis" - dehnte sein Einflussgebiet weiter aus. Bei seinem Tod erstreckte sich sein riesiges Weltreich über weite Teile Asiens.

Seit 800 Jahren gilt "Dschingis Khan" als Synonym für Wildheit und Grausamkeit. Seine schnellen und beweglichen Reitertruppen bezeichnete man im Mittelalter als Tartaren, stammten sie doch angeblich direkt aus der Hölle (ex tartaro). "Noch heute gilt Dschingis Khan als grausamer Eroberer", sagt die Bonner Mongolei-Expertin Professor Dr. Veronika Veit. "Dieses Klischee hat sich gehalten." Gleichzeitig seien die Mongolen jedoch erstaunlich tolerant gewesen. "Religiöse Verfolgung hat es in der Mongolei nie gegeben. Darüber hinaus hat man stets Leute mit besonderen Kenntnissen und Fertigkeiten in die eigenen Reihen zu integrieren gewusst." Grund für die Weltoffenheit war wahrscheinlich auch der rege Handel, der schon unter Dschingis Khan zwischen Europa und Asien aufzublühen begann. "Mit Händlern reisen fremde Sprachen, religiöse Vorstellungen, Ideen, kurz: Kultur", erklärt die Wissenschaftlerin.

Schon immer waren die Menschen von dem nomadischen Volk fasziniert: "Die Reiseberichte von Marco Polo verschlangen die Leute geradezu", sagt die 61jährige Professorin und lächelt. "Auch wenn sie dachten: Der übertreibt mit seinen bunten Schilderungen. Nicht umsonst nannten sie ihn auch ‚Marco  Millione' - den Marco mit den vielen Nullen." Die Faszination hat sich bis heute gehalten - nicht zuletzt, weil die Mongolei lange ein weißer Fleck auf der Landkarte war: 1921 wurde die Mongolei zur Volksrepublik; Tourismus entwickelte sich in dem kommunistischen Land kaum. Nach dem 2. Weltkrieg wurde es dann für westliche Wissenschaftler gänzlich unmöglich, in der Mongolei zu forschen.

Auch Veronika Veit las seit ihrer Kindheit alles, was ihr zu dem Reitervolk in die Finger fiel. Seit sie zehn ist, begeistert sie sich für die "Steppenstrolche" - daran hat sich bis heute nichts geändert. Bis sie tatsächlich ihren ersten Schritt auf mongolischen Boden tat, musste sie aber noch lange warten: 1972 begleitete sie als Reiseleiterin die erste Touristengruppe aus dem Westen in das asiatische Land.

Trotz der schwierigen politischen Situation hatte sich die Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität damals unter den Mongolei-Experten bereits einen guten Ruf erarbeitet. 1964 hatte Walther Heissig das Bonner Seminar für Sprach- und Kulturwissenschaft Zentralasiens gegründet und in der Folge eine einzigartige Bibliothek aufgebaut. Er initiierte einen interdisziplinären Mongolei-Sonderforschungsbereich, der bis 1988 fortbestand. Dann fiel der eiserne Vorhang; mit der neuen Verfassung wurde die Mongolei 1992 zur Mehrparteien-Demokratie. "Für uns eröffneten sich damit völlig neue Möglichkeiten", erinnert sich Heissigs Nachfolger Professor Dr. Klaus Sagaster. "Zum ersten Mal konnten wir vor Ort forschen - ein Privileg, das zuvor unseren Kollege aus der DDR vorbehalten gewesen war."

Seit der kommunistischen Ära existiert zwischen Deutschland und der Mongolei aber auch eine besondere Verbindung: Während des Kalten Krieges waren viele Mongolen zum Studium in die DDR gekommen. Noch immer sprechen erstaunlich viele Nachfolger Dschingis-Khans deutsch. Diesen guten Beziehungen verdankt die Universität wahrscheinlich auch ihre Teilnahme an einem mongolisch-deutschen Gemeinschaftsprojekt: Als 1998 Ausgrabungen in der ehemaligen Hauptstadt Dschingis-Khans Karakorum begannen, luden die Mongolen die Bonner Wissenschaftler ein, dabei zu sein. "Bei der Ausstellung werden auch viele Fundstücke aus Karakorum zu sehen sein", verspricht Sagaster.

Die Zentralasienforscher haben die Kunst- und Ausstellungshalle bei der Konzeption der Ausstellung beraten - zusammen mit Kollegen vom Orientalischen Seminar und der Japanologie. Das Resultat ist vom 16. Juni bis zum 25. September zu bewundern. Ziel ist es, den Besuchern ein noch immer erstaunlich fremdes Volk ein wenig näher zu bringen und dabei das Klischeebild von "Dschingis Khan und seinen Erben" zu korrigieren. Wie die Landbevökerung dort teilweise heute noch lebt, zeigt der Kinofilm "Die Geschichte vom weinenden Kamel". "Kamelstuten können manchmal sehr neurotisch sein und ihre Jungtiere verstoßen", erklärt Professor Veit. "Ein besonderes Lied soll die Stute dann dazu bringen, ihr Fohlen anzunehmen. Der Film schildert das - poetisch und  zugleich sehr realistisch."


Bilder zur Dschingis-Khan-Ausstellung gibt es auf den Seiten der Kunst- und Ausstellungshalle:http://www.kah-bonn.de/


Kontakt:
Professor Dr. Veronika Veit
Seminar für Sprach- und Kulturwissenschaft Zentralasiens
Telefon: 0228/73-7899 oder -7465
E-Mail:
[Email protection active, please enable JavaScript.]

Artikelaktionen