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Google für 3.000 Jahre alte chinesische Inschriften

Bonn erhält als europaweit erste Uni eine Datenbank mit uralten chinesischen Texten

Vor über 3.000 Jahren ist die chinesische Schrift entstanden;die ältesten erhaltenen Texte stammen aus dem 13. Jahrhundert vorChristus. Seit dieser Zeit hat sich nicht nur die Schreibweise dermeisten Begriffe radikal verändert; auch die Zeichen selbst ähnelnheute kaum noch ihren Vorfahren. Die Sinologen der Universität Bonnkönnen diese Evolution nun mit neu entwickelten Datenbankennachvollziehen: Wissenschaftler der Universität Shanghai haben ihrenBonner Kollegen kürzlich mehr als 20 CD-ROMs geschenkt, die unteranderem die Bronzeinschriften der Zhou-Zeit (11. bis 3. Jahrhundert vorChristus) enthalten. Erstmals ist damit eine Volltext-Recherche in denältesten überlieferten Texten Chinas möglich.

"Schône sanc diu nahtegal", dichtete vor 800 Jahren Walther vonder Vogelweide; heute hätte er wohl "schön sang die Nachtigall"geschrieben. Sprache verändert sich permanent. Wörter werden andersbuchstabiert, Zeichen anders geschrieben, Begriffe ändern ihreBedeutung: "Geil" hieß im 12. Jahrhundert noch "lustig" oder "schön",vom 16. bis ins späte 20. Jahrhundert dann "sexuell erregt" und heutewieder "schön" oder "toll". Nicht anders war es im Chinesischen: Auchdort haben sich über die Jahrtausende Schreibweisen, Zeichenformen undBedeutungen radikal geändert.

Um beispielsweise nachzuvollziehen, welche Rolle der Alkoholim alten China spielte, mussten Sinologen daher bislang nicht nur jedeMenge Literatur wälzen, sondern dabei auch noch genau aufpassen:Schließlich hat die Schreibung des Wortes über die Jahrhunderte einedeutliche Wandlung vollzogen. "Heute bestehen die meisten Zeichen auszwei Teilen", erklärt der Bonner Chinakundler Christian Schwermann,"dem so genannten ‚Radikal' oder Bedeutungsträger und einemLautungsträger, der die Aussprache beschreibt." So steht eineKomponente im Zeichen für das Wort jiu ("Alkohol") für die Bedeutung"Wasser" - wie Wasser ist Alkohol flüssig. Der Rest reflektiert dieursprüngliche Schreibung des Wortes, steht aber auch für seineAussprache. "In den Inschriften wird das Alkohol-Zeichen zumeist nochohne Wasser-Radikal geschrieben", sagt Schwermann. "Erst Jahrhundertespäter, in der frühen Kaiserzeit, fügte man das Radikal regelhafthinzu, um das Wort von gleich geschriebenen Begriffen mit andererBedeutung zu unterscheiden."

In der neuen Datenbank kann man auf Knopfdruck in sämtlichengespeicherten Texten nach dem Wort jiu = "Alkohol" suchen - im Prinzipähnlich wie bei "Google". Anders als "Google" sucht die Datenbank abernach sämtlichen bekannten Schreibweisen des eingegebenen Wortes. Ob mitWasser-Radikal oder ohne, ist der Software egal. Zudem kann manangeben, aus welcher Periode, welchem Fürstentum oder von welchemGefäßtyp die Inschriften stammen sollen. Die Datenbank spuckt nicht nursämtliche Textstellen aus, in denen das Suchwort vorkommt, sondernverweist auch gleich auf die komplette Sekundärliteratur - sprich: Werhat zu dieser Textpassage was geschrieben? Per Knopfdruck kann man sichzudem eine Reproduktion der Original-Inschrift anzeigen lassen.

Ergebnisse von Monaten Recherche in wenigen Minuten

Die rund 20 CDs enthalten sämtliche Inschriften, die bislangauf Opfergefäßen der Zhou-Zeit gefunden wurden - insgesamt rund 6.000Stück. Dazu kommen zahlreiche Texte, die in vorchristlicher Zeit aufBambusstreifen geschrieben wurden und als Grabbeigaben erhaltengeblieben sind, sowie ein bedeutendes antikes Wörterbuch aus dem 2.Jahrhundert nach Christus, das Shuowen jiezi. "Damit eröffnen sich unsvöllig neue Möglichkeiten für eine Erforschung der frühen chinesischenSchriftgeschichte", freut sich Schwermann. "Eine Literaturrecherche,für die man früher Wochen oder Monate benötigte, dauert jetzt nur nochwenige Minuten. Ganz zu schweigen davon, dass viele Quellen erstaufwändig bestellt werden mussten oder gar nicht zu bekommen waren."

Professor Dr. Liu Zhiji vom Schwerpunktzentrum für dieErforschung der chinesischen Schrift und ihrer Anwendungen an der EastChina Normal University Shanghai hat seinem Bonner Kollegen ProfessorDr. Wolfgang Kubin die Datenbank Mitte Mai überreicht. Kubin will siezusammen mit der wichtigsten Forschungsliteratur mittelfristig in einemeigenen Bibliotheksraum unterbringen und damit den Grundstein zu einemMuseum für chinesische Schrift legen.

Mehr als zehn Jahre haben die Shanghaier Wissenschaftler andem Recherche-Tool gearbeitet. Im kommenden Jahr wollen sie ihrenKollegen auch noch eine komplette Sammlung der ältesten Texte zurVerfügung stellen, die bislang in China gefunden wurden: Bei diesen sogenannten "Orakelknochen-Inschriften" handelt es sich umProphezeiungen, die vor mehr als 3.000 Jahren in Schildkrötenpanzeroder Tierknochen eingeritzt wurden. Meist handelt es sich umVorhersagen über reiche oder magere Ernten, das Wetter oder Erfolge beider Jagd. In den letzten 100 Jahren wurden etwa 155.000 derartigeInschriften gefunden, die allerdings teilweise zerstört sind. Erst rund1.000 Schriftzeichen darauf sind bislang entziffert.
 
Kontakt:
Christian Schwermann
Institut für Orient- und Asienwissenschaften der Universität Bonn
Telefon: 0228/73-7396
E-Mail:
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Der Bibliothekar Björn Fischer mit der Shangaier Wissenschaftlerin Professor Dr. Wang Ping und Christian Schwermann an der Datenbank (von links)
Foto: Frank Luerweg/Uni Bonn
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