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Von Marzahn in die Südstadt

Ungewöhnliche Gemeinschaftsexkursion von Bonner und Berliner Geographiestudenten

14 Jahre nach der Hauptstadt-Entscheidung und sechs Jahre nach dem Regierungsumzug trafen sich kürzlich ein Dutzend angehende Geographen der Universitäten Bonn und Berlin zu einer ungewöhnlichen Exkursion: Sie stellten einander für jeweils sechs Tage ihre Studienstädte vor.

Neugierig waren die Berliner schon auf das "kleene Bonn" - und auf das angeblich so große Loch, das die umgezogenen Bundesorgane und Ministerien hinterlassen haben. "Bei euch kann man sicher preiswert wohnen, jetzt wo alle weg gezogen sind?" war die verbreitete Meinung. Die Bonn-Exkursion begann im ehemaligen Bundesviertel. Erstaunt waren die Besucher darüber, wieviele Ministerien bis heute in Bonn ansässig sind. Auch die Umnutzung der ehemaligen Regierungsbauten stieß auf Interesse. Spätestens bei einem Termin bei den Vereinten Nationen wurde deutlich, wie sehr sich Bonn gewandelt hat. Mit so vielen UN-Sekretariaten und internationalen Organisationen hatte doch keiner gerechnet.

Ebenso staunend standen die Bonner Studenten sechs Tage später in der riesigen Plattenbausiedlung in Mahrzahn: Die berüchtigten Hochhäuser im Ostteil Berlins wurden inzwischen zu modernen Eigentumswohnungen umgebaut - und die erfreuen sich reger Nachfrage. Dennoch sind die Preise bezahlbar, wie die Bonner Studentin Sabine Beißwenger feststellen konnte: "30 Quadratmeter in Mahrzahn für 250 Euro warm - soviel kostet schon mein Neun-Quadratmeter-Zimmer in der Bonner Südstadt."

Die Idee zu einer Gemeinschaftsexkursion stammt von der Berliner Geographie-Professorin Marlies Schulz und Claus-Christian Wiegandt, Professor für Stadt- und Regionalforschung an der Uni Bonn. Jeder Tag unter einem bestimmten Thema: Strukturwandel, soziale Brennpunkte, Wohnsituation. Ziel war es - wie es die beiden Professoren Schulz und Wiegandt formulierten - "neue Einblicke in die Lebenssituation der jeweils anderen Stadt zu ermöglichen."

So gilt die "Medien- und Wissenschaftstadt" Berlin-Adlershof als Beispiel für eine gelungene Umstrukturierung. Vor 1989 waren hier Kasernen, die "Akademie der Wissenschaften" und das Fernsehen der DDR untergebracht. Heute haben sich zahlreiche Unternehmen, Medienfirmen und nicht zuletzt die naturwissenschaftlichen Institute der Humboldt-Universität angesiedelt. "So eine tolle Atmosphäre wie im Bonner Hofgarten haben wir in Berlin-Adlershof allerdings nicht", muss Gunnar Boldt zugeben. "Wir müssen unseren Stundenplan so organisieren, dass wir an einem Tag draußen im Adlershof studieren und am nächsten Tag in der Berliner Mitte." Den Bonner Studenten wurde auf diese Weise klar, welche großen Vorteile die kurzen Wege zwischen ihren Instituten haben. "Da bleibt einfach mal Zeit, sich auf die Hofgartenwiese zu setzen und miteinander zu entspannen", sagt die Bonner Geographie-Studentin Anna van der Linden.

Müdes Lächeln für Tannenbusch

Auch die sozialen Probleme sind in Berlin von einem ganz anderen Kaliber. Im Neuköllner Rollbergviertel, einer äußerst problematischen Siedlung, lächelt man nur müde über Tannenbusch oder Dransdorf. Interessant war es dennoch auch für die Berliner, wie die Anlaufstelle GABI im Bonner Loch mit der schwierigen Situation am Hauptbahnhof umgeht.

Den Strukturwandel hat Bonn erstaunlich gut verkraftet und steht heute mit Post, der Deutschen Telekom und den diversen internationalen Organisationen besser da denn je. In Berlin dagegen ist der erhoffte Boom nicht so groß ausgefallen wie erwartet. Man hat sich vielerorts verkalkuliert, und heute stehen 11 Prozent der Büroflächen leer -  darunter auch Vorzeigeprojekte wie die "Oberbaumcity" in Kreuzberg-Friedrichshain. Deutliche Erfolge sind dafür in den Bereichen Kunst und Kultur zu vermelden. Auf einer Industriebrache in Oberschöneweide entstehen in der Nähe von kleinen Ateliers und Galerien zum Beispiel Ausstellungshallen für das renommierte amerikanische Whitney-Museum für moderne Kunst.

Professor Dr. Claus-Christian Wiegandt: "Dass in Berlin nicht alles so rosig aussieht und Bonn heute gar nicht so verlassen dasteht wie ursprünglich angenommen, ist nur ein Teilergebnis der Exkursion. Ebenso wichtig ist es, dass alle Studenten jetzt nicht nur die fremde, sondern auch die eigene Stadt mit anderen Augen sehen. Vielleicht sind sich dadurch Berlin und Bonn ein kleines Stückchen näher gekommen."

Kontakt:
Professor Dr. Claus-Christian Wiegandt
Geographisches Institut der Universität Bonn
Telefon: 0228/73-7231
E-Mail:
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Studium mit Karte: Auf der Exkursion lernten die Teilnehmer Berlin aus ganz neuen Blickwinkeln kennen
Alle Fotos: Uni Bonn
Besuch bei T. Killewald, dem Sanierungsbeauftragten in Berlin-Oberschöneweide
Vortrag auf der Industriebrache Berlin Oberschöneweide
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