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Wie identitätstiftend sind Ritual und Schrift?

VolkswagenStiftung fördert ein Bonn-Münchner \"Tandemprojekt\" mit mehr als 400.000 Euro

Traditionen schaffen ein Gefühl der Zusammengehörigkeit - das kennt jeder Rheinländer vom Karneval. Doch welche Rolle spielen Ritual und Schrift als Medien des kulturellen Gedächtnisses bei der Herausbildung einer kollektiven Identität? Dieser Frage wollen zwei Forscher der Universitäten Bonn und München am Beispiel des Alten China und Mesoamerikas nachgehen. Die Volkswagenstiftung fördert das Projekt in seinem so genannten "Tandemprogramm" mit mehr als 400.000 Euro.

Was wir heute China nennen, existiert nicht seit eh und je. Vor 2.200 Jahren gab es die Begriffe "Chinesen" und "Chinesisch" noch nicht. Damals lebten auf dem heutigen Gebiet des asiatischen Riesenreichs zahlreiche separate Völker mit jeweils eigenständiger Kultur. Kulturelle Identität entstand erst später - begünstigt durch die Entwicklung einer gemeinsamen Schrift. Damit konnten dann erstmals bestimmte altertümliche Riten für alle Einwohner des Kaiserreichs "festgeschrieben" werden. "In China dient die Schrift seit über 2.000 Jahren als Vehikel, die unterschiedlichen regionalen Kulturen zu vereinheitlichen und so das Reich zu einen", erklärt Dr. Daniel Grana-Behrens vom Bonner Institut für Altamerikanistik und Ethnologie.

Ganz anders in Mesoamerika: Obwohl sich diese mittelamerikanische Region in vorspanischer Zeit durch große historische und kulturelle Gemeinsamkeiten auszeichnete, bildete sich kein gemeinsames kulturelles Gedächtnis - vielleicht deshalb, weil trotz Schrift viele Rituale weiterhin sowohl mündlich als auch schriftlich überliefert wurden. Das würde auch erklären, warum die Spanier ein leichtes Spiel bei der Zerschlagung so namhafter Kulturen wie der der Azteken, Maya oder Mixteken hatten: Das kulturelle Gedächtnis war weniger stabil, und mit dem Verbot der vorspanischen Schrift gingen zentrale Inhalte des kulturellen Gedächtnisspeichers unweigerlich verloren.

Warum die Entwicklung in China und Mesoamerika so unterschiedlich war, will Grana-Behrens zusammen mit der Münchner Asienwissenschaftlerin Dr. Xiaobing Wang-Riese genauer untersuchen. Denn beide Kulturräume haben eine lange Schrifttradition. Weshalb also diese unterschiedliche Entwicklung? Und welche Rolle spielen Ritual und Schrift überhaupt für die Entwicklung eines "kulturellen Gedächtnisses" und einer regionalen Identität? "Geographisch weit voneinander entfernt und mit keinem nachgewiesenen Kulturkontakt in der Geschichte, bieten sich das Alte China und Mesoamerika für einen interkulturellen Vergleich geradezu an", meint der Bonner Altamerikanist. Schon der oberflächliche Blick offenbart den unterschiedlichen Stellenwert, den Ritual und Schrift in verschiedenen Kulturkreisen besitzen. "Im mediterranen Raum und in Mitteleuropa beispielsweise wurden Schrifttexte kanonisiert", betont Grana-Behrens: "Was einmal aufgeschrieben war, wurde unverändert überliefert und war nur durch eine veränderte Interpretation wandelbar." Ein Beispiel für ein derart zementiertes kulturelles Wissen ist die Bibel - ein Buch, das über die Jahrtausende praktisch unverändert blieb. Aber auch Rechtsnormen wurden festgeschrieben.

In Mesoamerika gab es dagegen wahrscheinlich gar keine Rechtstexte - Rechtsnormen wurden mündlich weitergegeben. "Schrift spielte dort bei der Überlieferung von Kultur nicht die Hauptrolle", erklärt der Altamerikanist; "mindestens ebenso wichtig war die mündliche Weitergabe von Wissen." Schrift diente zwar auch der Erinnerung, etwa in Form von Mythen oder Genealogien. "Was es in Mesoamerika aber nicht gegeben hat, ist eine Entkoppelung der mündlichen Überlieferung von der Schrift. Beide Bereiche des kulturellen Gedächtnisses blieben miteinander verflochten."


Kontakt:
Dr. Daniel Grana-Behrens
Institut für Altamerikanistik und Ethnologie, Universität Bonn
Telefon: 0228/73-4600
E-Mail:
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Dr. Xiaobing Wang-Riese
Universität München, Department für Asienstudien
Telefon: 0228/9359260
E-Mail:
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