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Lokale Projekte gegen die globale Epidemie

Studierende beraten das BMZ zu Anti-AIDS-Strategien in Asien

Nicht erst seit der Eröffnung der Welt-Aids-Konferenz in Bangkok und den warnenden Worten aller Beteiligten ist klar: HIV und Aids stellen weiterhin eine massive Bedrohung dar - gerade in Afrika und Asien, das sich anschickt, zu einem neuen Brennpunkt der Epidemie zu werden. Studierende der Universitäten Bonn und Köln erarbeiten momentan in Kooperation mit dem Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) Strategien und Projekte für den Kampf gegen das tückische HI-Virus in China und Südostasien.

In Asien droht eine AIDS-Epidemie, die in ihrem Ausmaß leicht die Situation in Afrika in den Schatten stellen kann: Experten rechnen allein in China mit bis zu 10 Millionen Infizierten im Jahr 2010. "Zwar gibt es inzwischen, zwanzig Jahre nach Entdeckung des HI-Virus, eine Reihe von Präventionsstrategien", erklärt der Bonner Südostasienwissenschaftler Dr. Wolfram Schaffar. "Doch was z.B. in Deutschland funktioniert hat - man denke nur an ‚Tina, wat kosten die Kondome' im Fernseh-Spot mit Hella von Sinnen und Ingolf Lück -, muss in Thailand, Vietnam oder China noch lange nicht greifen." 20 Studierende der Regionalwissenschaften Südostasien in Bonn und China in Köln haben daher für das BMZ eine Expertise erarbeitet, in der sie kulturspezifische Strategien vorschlagen, mit denen der Epidemie in Thailand, Vietnam und China begegnet werden könnte. Die beiden gegenwartsbezogenen Studiengänge bilden schwerpunktmäßig für Entwicklungszusammenarbeit und Wirtschaft aus.

Christine Winkelmann von der Universität zu Köln hat zusammen mit Dr. Schaffar den Kontakt mit dem BMZ geknüpft. Von der Kooperation profitieren beide Seiten: Das Ministerium gab beim Seminar eine Studie in Auftrag und bot damit den Rahmen, in dem die Studierenden Politikberatung unter echten Bedingungen lernen konnten - inklusive der Aufregung, die es bedeutete, zum ersten Mal in den Räumen eines Ministeriums vor geladenen Experten vorzutragen. "Unsere Studierenden wiederum brachten ihre intimen Kenntnisse der sozialen und ökonomischen Situation in den Ländern ein, in denen sie zum Teil schon längere Auslandsaufenthalte verbracht haben", erklärt Dr. Schaffar.

Ein halbes Jahr haben die Studierenden im Internet recherchiert, Experteninterviews geführt und Berge von Quellen bearbeitet, um Anfang Juli ihre Ergebnisse im BMZ vorzutragen. So galt Thailand einst mit seinem starken zivilgesellschaftlichen Engagement und dem staatlich getragenen Programm zum Kondomgebrauch bei Prostituierten als Musterbeispiel im Umgang mit AIDS. Doch inzwischen mussten viele Programme eingestellt werden, weil im Zuge der Asienkrise die staatlichen Mittel gekürzt wurden. Zudem begann man sich in Sicherheit zu wiegen. "In Thailand haben wir die Situation im Griff", gab eine Sprecherin der größten thailändischen Organisation im HIV-Bereich den Studierenden in einem Interview zu Protokoll. Dem widersprechen die bei UNAIDS veröffentlichten Daten, nach denen die Infektionsraten dramatisch ansteigen. Und auch Stellungnahmen vieler anderer Nichtregierungsorganisationen zeichnen für Thailand mittlerweile wieder ein düsteres Bild.

In China hat die Regierung lange Zeit die Probleme ignoriert. Unter dem außenpolitisch verheerenden Eindruck der SARS-Epidemie bewegt sich aber inzwischen Einiges, nicht zuletzt, weil mit der Ministerin Wu Yi neuerdings eine charismatische und starke Persönlichkeit an der Spitze des Gesundheitsministeriums steht. Dennoch sind die Folgen früherer Katastrophen noch längst nicht unter Kontrolle, wie in der zentralchinesischen Provinz Henan, wo durch unverantwortliche Praktiken bei Blutspenden die Bewohner ganzer Landstriche infiziert wurden und teilweise bis zu 80 Prozent der Bewohner HIV-positiv sind.

In Vietnam hat die Regierung zwar schon vor Bekanntwerden des ersten vietnamesischen HIV-Falls ein nationales AIDS-Programm beschlossen. Mit den Wirtschaftsreformen brach jedoch auch hier das Gesundheitssystem zusammen; die Mittel zur Umsetzung vieler guter Ansätze fehlten. Neben vielen vorbildlichen Programmen beschritt Vietnam leider auch den Weg, HIV und Aids als "Soziales Übel" zu brandmarken und die Hauptrisikogruppen - Drogenabhängige, Prostituierte und Homosexuelle - zu kriminalisieren. Präventionsarbeit ist in einem solchen Klima sehr schwierig.

Die Studierenden erarbeiteten konkrete Vorschläge, wie man der Epidemie in diesen drei Ländern begegnen könnte. Beispiel Vietnam: Dort ist Prostitution illegal und wird polizeilich verfolgt. "Wir müssen daher an die Männer heran, die zu Prostituierten gehen, und die erreicht man am besten im Bia Hoi, einer weit verbreiteten Art von traditioneller Straßenkneipe, in der sich Männer aller Schichten treffen", erklärt Stefan Heckenbücker, der sich mit sieben weiteren Kommilitonen mit der Situation in Vietnam befasst hat. Ähnlich wie in früheren erfolgreichen Projekten, in denen in Vietnam Straßenfriseure als AIDS-Aufklärer ausgebildet wurden und ihre Kunden während dem Haarschnitt mit Informationen zu HIV versorgten, sollen im Bia Hoi Multiplikatoren Informationsbroschüren und Kondome weitergeben. In der Provinz Sichuan in Südwest-China könne dagegen eine Kondom-Kampagne für Prostituierte helfen. Wichtig sei dabei vor allem die Zusammenarbeit mit den so genannten "Hennen", älteren Prostituierten, die jeweils mehrere jüngere Prostituierte unter ihren Fittichen haben.

Die Teilnehmer wollen es aber nicht bei ihren Empfehlungen belassen. Die Kölner Forscherin Christine Winkelmann: "Wir denken bereits darüber nach, im Rahmen eines neuen Seminars im kommenden Semester einen der Vorschläge soweit zu konkretisieren, dass mit Finanzierungsplan und einzelnen Projektschritten ein fertiger Projektplan entsteht."

Die Studierenden präsentieren ihre Ergebnisse am 22. Juli um 16 Uhr im Rahmen der Vortragsreihe "Südostasienforum" der Abteilung Südostasienwissenschaft und des Zentrums für Entwicklungsforschung unter Leitung von Prof. Dr. Solvay Gerke. Vortragsort: Zentrum für Entwicklungsforschung, Walter-Flex-Straße 3, EG, Vortragsraum. Interessenten sind dazu herzlich willkommen.

Ansprechpartner:
Dr. Wolfram Schaffar
Abteilung für Südostasienwissenschaft der Universität Bonn
Telefon: 0228/73-9735
E-Mail:
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