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Singet der Minne hohe Lieder

Renaissance des Mittelalters stärkt auch den Minnesang

Seit einigen Jahren erfreut sich der Minnesang, die alte gesungene Liebeslyrik des 12. und 13. Jahrhunderts von Walther von der Vogelweide, Neidhart von Reuental oder Hartmann von Aue, wachsendem Interesse. Immer mehr Musiker sind von dieser Zeit fasziniert und versuchen, die alten Lieder originalgetreu umzusetzen. Professor Dr. Manfred Kaempfert vom Germanistischen Seminar der Universität Bonn ist Experte für den Minnesang und hat unter anderem der Trierer Gruppierung "Tourdion" geholfen, einen möglichst "guten Ton" zu finden.

Eines Tages, so erinnert sich Professor Kaempfert, irgendwann in den 90ern, als er ein Seminar über den Minnesang halten wollte, ließ ihn eine Frage nicht mehr los: Wie klang es eigentlich damals, als Walther von der Vogelweide oder Hartmann von Aue ihre berühmten Lieder sangen? Welche Melodien stehen hinter den Texten, mit denen sich Altgermanisten immer wieder beschäftigen? Bei seinen Nachforschungen erhielt er über eine Studentin Kontakt zu der Gruppe "Tourdion", die damals noch vorwiegend Folklore spielte, sich aber auch immer stärker für die Musik des Mittelalters zu interessieren begann. Mit Nachbauten von alten Instrumenten wie Flöten und Drehleiern versuchten sie, Lieder des Minnesangs nachzuspielen. Im Gegensatz zu Stücken der Renaissance existieren allerdings dafür keine Noten im modernen Sinne, sondern höchstens der Gregorianik ähnliche Melodieaufzeichnungen ohne Takt und  Rhythmus - und genau hier kam Professor Kaempfert ins Spiel. Mit seiner Hilfe wurden die Texte auf ihren Rhythmus hin analysiert und die Melodien aus den provenzalischen Vorbildern übertragen, so dass es dem Ensemble möglich wurde, 1994 erstmals mit einem Programm von Minneliedern aufzutreten. Den besonderen Reiz an dieser Aufgabe sieht Kaempfert vor allem darin, diese Rhythmen über die Texte zu entschlüsseln, sowie in der Möglichkeit, längst verloren geglaubte Musik wieder neu zu entdecken.

"Der Minnesang ist eine faszinierende Welt erotischer Dichtung, die ihresgleichen sucht", begründet Professor Kaempfert sein Interesse an der mittelalterlichen Liebeslyrik. Im Mittelpunkt der Lieder standen Frauen, die üblicherweise verheiratet waren; der Sänger wollte nicht mehr als ihre Gunst, dies jedoch mit einer kaum vorstellbaren Leidenschaft. Auch die Selbstqual aufgrund der Unerreichbarkeit der angebeteten Frau, die oft zu einem absoluten Ideal stilisiert wurde, wird in der Minne ausgedrückt. Selbst heute mag dies noch manchmal gelten, doch eine gelebte Minne hält Kaempfert für unmöglich. "Die Psychoanalyse würde sie heutzutage zerstören", sagt er; "jeder, der versuchen würde, dem Ideal der Minne zu folgen, würde für verrückt erklärt werden. Die Betonung und Befreiung der Sexualität in den letzten Jahrzehnten lässt eine so starke Sublimierung kaum mehr zu."

Auch wenn er im Rahmen seiner Lehrtätigkeit immer wieder erfahren habe, dass es für viele Studenten sehr schwer ist, in die der Minne zugrunde liegende Gedankenwelt einzutauchen, freut sich Professor Kaempfert doch sehr über das wachsende Interesse - zurückzuführen zum einen auf die Folk- und Weltmusik-Bewegung zum anderen auf die Fantasy-Literatur mit ihrer starken Rezeption mittelalterlicher Welten. Und natürlich bleibt er nicht untätig - mit Tourdion arbeitet er bereits an einem neuen Programm mit dem Titel "der minnen melodîe", in dem auch provenzalische und altfranzösische Lieder ihren Platz haben, und auch wenn noch kein fester Termin dafür ansteht, ist auf jeden Fall ein Konzert in Bonn geplant.

Informationen zu der Gruppe Tourdion sowie Kontaktadressen finden Sie unter www.tourdion.de.

Ansprechpartner:
Professor Dr. Manfred Kaempfert
Erreichbar über die Pressestelle der Universität Bonn
Thomas Kölsch
0228/73-5062

Walter Friehs
Gruppe "Tourdion"
0651/9981342

Bilder zu dieser Pressemitteilung

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Einige Mitglieder der Gruppe Tourdion mit mittelalterlichen Instrumenten
Bildautor: Gruppe Tourdion
Professor Dr. Manfred Kaempfert
Bildautor: Gruppe Tourdion
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