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Reform mit Schönheitsfehlern

Umstellung der Professorenbesoldung mit negativen Folgen



Am 16. Februar 2002 hat der deutsche Bundestag das Gesetz zur Reform der Professorenbesoldung beschlossen; am 1.1.2005 wird die Vorgabe des Bundes in Nordrhein-Westfalen (NRW) rechtskräftig. Hauptziel der Reform: Professoren stärker als bisher leistungsorientiert zu bezahlen und so zusätzliche Leistungsanreize zu schaffen. Ein Wirtschaftswissenschaftler der Universität Bonn hat das Regelwerk genauer unter die Lupe genommen. Sein Fazit: Das Gesetz könnte genau das Gegenteil von dem bewirken, was es bezweckt. Die Analyse wird in der Zeitschrift "Perspektiven der Wirtschaftspolitik" erscheinen.
 
Der ökonomische Pferdefuß steckt in §34 Absatz 1 des so genannten "ProfBesReformG": "Der Gesamtbetrag der Leistungsbezüge ... ist so zu bemessen, dass die durchschnittlichen Besoldungsausgaben ... den durchschnittlichen Besoldungsausgaben im Jahr 2001 entsprechen." Aus politischer Sicht sei diese Vorgabe vor dem Hintergrund angespannter öffentlicher Haushalte verständlich, urteilt der Bonner Betriebswirtschaftler Professor Dr. Matthias Kräkel: "Sollte sich - wider Erwarten? - die Mehrzahl der Professoren als äußerst leistungsfreudig herausstellen, wird durch diese Regelung verhindert, dass Personalkosten aufgrund der Leistungszulagen explodieren." Für den angestrebten Zweck könnte sich die Deckelung der Personalkosten aber als fatal erweisen.

Fatale Deckelung

Momentan werden Professoren im Deutschland im so genannten C-System vergütet. Zusätzlich zum Grundgehalt nach Besoldungsstufe C2, C3 oder C4 gibt es Zulagen für Rufe: Wer sich auf eine Stelle an einer anderen Universität bewirbt und den Zuschlag bekommt, erhält für diesen Erfolg bares Geld in Form eines monatlichen Bonus - unabhängig davon, ob er den Ruf annimmt oder ablehnt. "Im Prinzip ist das auch eine Form der Leistungszulage", so Kräkel; "wer einen Ruf bekommt, hat sich aufgrund seiner Fähigkeiten im Wettbewerb gegen andere Kollegen durchgesetzt."

Ab dem 1.1.2005 soll in NRW nun das W-System gelten, das die beiden Vergütungsgruppen W2 (anstatt C3) und W3 (anstatt C4) vorsieht. Das Basisgehalt liegt im W- deutlich niedriger als im C-System; dafür gibt es die Möglichkeit, unter anderem für besondere Leistungen in Forschung, Lehre oder Nachwuchsförderung Zulagen zu vergeben. C-besoldete Professoren können im alten System verbleiben, solange sie nicht den Ruf an eine andere Hochschule annehmen oder nach einem erfolgten Ruf Bleibeverhandlungen mit ihrer alten Hochschule führen. Dann erfolgt automatisch der Wechsel zur W-Besoldung.

Zumindest in den ersten Jahren nach der Umstellung wird aufgrund der Kostendeckelung der Topf für die W-Zulagen nur spärlich gefüllt sein, da die meisten Professoren noch die (höheren) C-Gehälter plus Zulagen für bisherige Rufe beziehen. Viel zu verteilen bleibt dann nicht mehr. Zudem droht aufgrund der angespannten Haushaltslage eine weitere Kürzung der Personalmittel und damit der Zulagen.

Massive Einbußen

"De facto könnten für W-besoldete Stellen sogar gar keine Leistungszulagen mehr übrig bleiben", befürchtet der Wirtschaftswissenschaftler. "Dann wäre es aber auch für C-Professoren unattraktiv, einen Ruf an eine andere Hochschule anzunehmen, weil damit automatisch der Wechsel ins W-System verbunden wäre - mit massiven Einbußen bei den Pensionszahlungen und beim Grundgehalt." Folge: Null-Anreize sowohl für W- als auch für C-Professoren sowie personelle Stagnation. "Lediglich der Nachwuchs wird sich mangels Alternativen auf freie W-Stellen bewerben. Für C-Professoren oder gar Wissenschaftler aus dem Ausland werden derartige Stellen erst dann attraktiv, wenn der Topf mit Leistungszulagen gut gefüllt ist." Für zukünftige Generationen möglicher Nachwuchswissenschaftler würde sich in Anbetracht privatwirtschaftlicher Verdienstmöglichkeiten ohnehin die Frage nach der Attraktivität des Professorenberufs stellen.

Auch in anderer Hinsicht hat Kräkel Bedenken: Wenn Kollegen ein und desselben Fachbereichs um Leistungszulagen konkurrieren müssten, leide zwangsläufig die Kooperationsbereitschaft. Besser sei da schon die kollektive Entlohnung ganzer Fachbereiche, die sich im Vergleich zu anderen Universitäten als besonders leistungsstark profiliert hätten. "In solchen Situationen kommt es aber oft zum so genannten ‚Trittbrettfahrerverhalten', sprich: ein Professor lehnt sich zurück und lässt seine Kollegen machen - umgangssprachlich auch bekannt als ‚Hannemann-geh-du-voran'-Effekt!"

Ansprechpartner:
Professor Dr. Matthias Kräkel
Institut für Gesellschafts- und Wirtschaftswissenschaften der Universität Bonn
Telefon: 0228/73-3914 oder -9211
E-Mail:
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