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Der Kaiser und der \"Evangelist des Rassismus\"

Bonner Professor publiziert neue Dokumente

Der Schriftsteller Houston Stewart Chamberlain (1855-1927), Ehemann der Wagner-Tochter Eva von Bülow, war der erfolgreichste Publizist seiner Zeit. Der spätere Hitler-Fan und glühende Antisemit hatte auch großen Einfluss auf Kaiser Wilhelm II. Der Bonner Kirchenhistoriker Professor Dr. Wolfram Kinzig hat nun die Aufzeichnungen Chamberlains von seinem ersten Treffen mit dem deutschen Kaiser publiziert und kritisch kommentiert. Bislang galten die Dokumente wegen ihres schlechten Zustandes als nahezu unlesbar. Die Schriftstücke werfen auch ein Licht auf das Verhältnis Chamberlains zum bedeutenden evangelischen Theologen Adolf von Harnack, der auch bei dem Gespräch zugegen war. Einige Historiker werfen Harnack ebenfalls Sympathie für antisemitisches Gedankengut vor - eine These, die das vorliegende Material in keiner Weise stützt.

Chamberlains Werk "Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts", das die abendländische Geschichte als einen "Kampf der Rassen" schildert, fiel beim deutschen Kaiser auf fruchtbaren Boden. Wilhelm, der ganze Passagen auswendig rezitieren konnte, fühlte sich von Chamberlain "im innersten" verstanden; Chamberlain wisse "den Weg des Heiles". In zahlreichen Treffen und Schriftwechseln bestärkte der Wahldeutsche Wilhelm II. nicht nur in einer expansiven deutschen Außenpolitik auf der Grundlage eines national-germanischen Sendungsbewußtseins, sondern wurde in den folgenden Jahren, wie Kinzig zeigt, auch zur vielleicht wichtigsten Quelle von dessen erstarkendem Antisemitismus.

Die von Kinzig nun veröffentlichten Passagen aus Chamberlains Tagebuch und Korrespondenz beleuchten das erste Treffen zwischen den beiden, das den Beginn dieser verhängnisvollen Beziehung markierte. Dabei war auch der dem wilhelminischen Hof eng verbundene berühmte liberale Theologe Adolf von Harnack zugegen (Hauptwerk: "Das Wesen des Christentums"), der aber nicht nur bei diesem Anlass deutlich andere Ansichten zum Ausdruck brachte. Von Harnack korrespondierte regelmäßig mit dem einflussreichen Publizisten, weshalb ihm einige Historiker ebenfalls antisemitische Neigungen vorwerfen - ein Schluss, den die Quellen laut Professor Kinzig in keiner Weise stützen.

Chamberlain war auch ein glühender Verehrer Adolf Hitlers. Am 7. Oktober 1923 schrieb er ihm einen denkwürdigen Brief:  "Mein Glauben an das Deutschtum hat nicht einen Augenblick gewankt...Daß Deutschland in der Stunde seiner höchsten Not sich einen Hitler gebiert, das bezeugt sein Lebendigsein." Hitler nutzte Chamberlains blendende Kontakte zum nationalkonservativen Establishment des Wilhelminismus. Durch ihn konnte Hitler seine Bewegung an Kreise heranführen, die zu den Verlierern von Versailles gehörten. Dazu zählte vor allem die Aristokratie, die durch das Ende des Kaiserreiches politischen Einfluss verloren hatte, aber immer noch ein machtvolles gesellschaftliches Netzwerk bildete, das man politisch nutzen konnte. Als Chamberlain am 9. Januar 1927 starb, nahm Hitler persönlich an der Beerdigung teil.

Die Edition der Chamberlain-Dokumente findet sich in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift für neuere Theologiegeschichte (Heft 1/2004).

Professor Kinzig hat auch den Briefwechsel Harnacks mit Houston Stewart Chamberlain, der sich über ein Vierteljahrhundert erstreckt, in einem in Kürze erscheinenden Buch erstmals vollständig herausgegeben und kommentiert. In dem Band hat er zudem erstmals einen neuen Ansatz zur Beantwortung der Frage nach der Haltung Harnacks gegenüber den Juden verfolgt und unter diesem Aspekt das gesamte riesige Oeuvre des baltischen Gelehrten untersucht:

Harnack, Marcion und die Juden. Nebst einer kommentierten Edition des Briefwechsels Adolf von Harnacks mit Houston Stewart Chamberlain, Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2004, ISBN 3-374-02181-6


Ansprechpartner:
Professor Dr. Wolfram Kinzig
Evangelisch-Theologische Fakultät der Universität Bonn
Abteilung für Kirchengeschichte
Telefon: 0228/73-7305
E-Mail:
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