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Akademische Talkshow an der Uni

Ungewöhnliche Diskussionsrunde in geschichtlichem Seminar

Ein bayerischer Gesandter, der päpstliche Nuntius und ein Vertreter des Jesuitenordens - im Übungsraum des Institutes für Geschichtliche Landeskunde der Rheinlande finden sich prominente Gäste ein: In die Rollen der Charaktere aus dem 16. und 17. Jahrhundert sind Geschichtsstudenten der Universität Bonn zum Abschluss eines landesgeschichtlichen Seminars geschlüpft. Sie bilden unter der "Moderation" des Übungsleiters Dr. Thomas Becker eine Talkrunde und diskutieren über "Ferdinand von Wittelsbach - Retter des Rheinlandes oder intoleranter Menschenjäger?".

Der Uni-Archivar und Historiker Dr. Becker eröffnet seine "Talkshow": Geladen sind acht geistliche und weltliche Gesandte - dargestellt von Studierenden, die in einem Seminar dieses Wintersemesters zurück ins 16. Jahrhundert gereist sind: Im Jahre 1595 wurde Ferdinand, der 18-jährige Neffe des amtierenden Kölner Erzbischofs Ernst von Wittelsbach, zu dessen Stellvertreter gewählt - und der Onkel postwendend in das Bistum Lüttich abgeschoben. Nicht ohne Grund: "Ernst war weder enthaltsam noch sonderlich fromm, von irgendwelchem Reformeifer für die Sache der katholischen Kirche ganz zu schweigen", weiß Dr. Becker.

Ganz anders der junge Fürst Ferdinand: In den 55 Jahren seiner Regierung reformierte er die katholische Kirche und führte sie zurück zu einer frommen Glaubensgemeinschaft: Eine Kommission überprüfte Bildung und Lebenswandel der Pfarrer, Kanoniker hatten unerlaubte Besuche in Nonnenklöstern zu unterlassen und das Volk bekam die Sonntagspflicht und häufigen Kirchenbesuch eingeschärft. Er hat das Stadtbild der damaligen kurkölnischen Haupt- und Residenzstadt Bonn entscheidend mit geprägt. In Bonn erinnern nur noch Straßennamen an seine Regierungszeit - so wie die Franziskanerstraße, die nach einem Orden benannt wurde, der unter Ferdinands kirchlichen Reformen entstand.

Trotz seiner Verdienste erntet der Barockfürst heute nicht nur Lob: "Ferdinand hat einerseits den Katholizismus im Rheinland gerettet, andererseits gilt er als brutaler Hexenverfolger", erklärt der Historiker, "die großen Verfolgungen begannen im Rheinland aber etwa 1590; da war Ferdinand noch gar nicht an der Macht."

Verdienste und Missetaten des Erzbischofs stehen im Mittelpunkt der akademischen Talkshow. "Die obligatorische Schlussdiskussion eines Seminars sollte in einem ungewöhnlichen Rahmen stattfinden", erklärt Dr. Becker seine Lehrmethode, "ich will mit dieser Art Rollenspiel schweigsamere Studenten dazu anregen, ihre gewonnenen Kenntnisse auch zu präsentieren." Die Studierenden haben sich zuvor gut eingelesen. Zuerst etwas schüchtern, dann immer forscher antworten die ‚frühneuzeitlichen' Gesandten auf die Fragen des Moderators. Für eine ‚Hexenfamilie' ist Ferdinand von Wittelsbach ein ignoranter Frauenhasser, hohes Ansehen durch kirchlichen Eifer und strenge Frömmigkeit genießt er beim päpstlichen Nuntius und eine zwiespältige Persönlichkeit schreibt ihm der bayerische Gesandte zu.

Wie im 'richtigen' Leben kommt auch der Wittelsbacher-Talk zu keinem abschließenden Ergebnis. "Spannend war es aber trotzdem", findet der Moderator Dr. Becker, "und was noch nicht erwähnt wurde, kann ja in der nächsten Talkshow gesagt werden."
Eben wie im richtigen Leben...


Ansprechpartner:
Dr. Thomas Becker
Archiv der Universität Bonn
Telefon: 0228/73-7555
E-Mail:
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