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Alle Jahre wieder...

Übung beleuchtet, was hinter den Weihnachtsliedern steckt

"Alle Jahre wieder", "Stille Nacht, Heilige Nacht", "Ihr Kinderlein kommet"- unsere liebsten Weihnachtslieder stammen aus einer Zeit, in der das Kirchenfest in die Wohnstube zog, die Krippe unter den  Weihnachtsbaum und das Klavier die Kirchenorgel ersetzte: Im 19. Jahrhundert wurde das christliche Fest der Geburt Jesu immer mehr zum familiären Tag der Harmonie; eine Entwicklung, die sich auch in den Weihnachtsliedern widerspiegelt. Studierende der Universität Bonn gehen in diesem Wintersemester der Frage auf den Grund, was eigentlich hinter der festlichen Fassade der Weihnachtslieder steckt.

"Man will doch schließlich wissen, was man da singt unterm Tannenbaum," erklärt eine Medienwissenschaftlerin ihre Motivation, an der fachübergreifenden Veranstaltung teilzunehmen. Was man da singe, seien eigentlich recht junge Lieder aus dem 19. Jahrhundert: In dieser Zeit entstand das familienfreundliche Weihnachtslied für den Hausgebrauch. "Man feierte die Familie in ihrer Großartigkeit und Idylle und konnte es sich leisten, sein eigenes Weihnachten zu inszenieren", meint der Theologe Professor Dr. Michael Meyer-Blanck, Leiter des Seminars, "die heimatliche Weihnachtsfeier wurde zu einem Statussymbol."

Das sah zur Zeit von Königshäusern und Ritteradel noch anders aus: Im Mittelalter war dem "Pöbel" das Singen von Weihnachtsliedern nicht gestattet; ausschließlich einflussreiche Persönlichkeiten durften den Herrgott damit preisen. Festlichkeiten außerhalb des Kirchenraumes waren undenkbar und wurden erst später durch Feiern der Zünfte eingeführt. Im 16. Jahrhundert wurden Krippen- und Hirtenlieder "modern". Die arme Bevölkerung identifizierte sich mit dem Jesukind und besang die Menschwerdung Gottes als romantisches Ereignis. Eine Wandlung erfuhren die Weihnachtslieder während der Reformationszeit.

"Kampflieder" Luthers

"Martin Luther nutzte die Gesänge als "Kampflieder", mit denen er das protestantische Selbstbewusstsein stärkte und seine Reformation durchzusetzen suchte", erklärt Professor Meyer-Blanck, der die Übung in diesem Jahr zum ersten Mal anbietet. Auch Stücke aus der NS-Zeit lassen die Studierenden nicht aus, obwohl sie wegen der propagandistischen Texte recht wenig mit dem Weihnachtsfest verbindet. "Weihnachtslieder sind nicht nur ein Spiegel kirchlicher Religion, sondern auch von Volksreligion und Kultur", so der Theologe.
Insgesamt 14 Studenten prüfen Weihnachtslieder verschiedener Epochen auf Zusammenhänge zwischen Theologie und Kulturgeschichte. Dafür werden die Stücke auch in der Schlosskirche mit Kirchenorgel, Flöte und Gitarre angestimmt. "Oft wird erst durch das Singen der Melodie die Aussage des Liedes richtig klar," meint eine Lehramtsstudentin für Theologie. Sie hofft, das Erlernte in Schulgottesdiensten und Religionsunterricht anwenden zu können. Nicht nur Theologen interessieren sich für die teilweise "unbesinnlichen" Facetten der Weihnachtslieder: Studenten aus der Medienwissenschaft, Historiker und auch Gasthörer diskutieren eifrig mit, wenn es um die Bedeutung der "Stillen Nacht" geht. "Die "Nicht-Theologen2 bringen oft neue Perspektiven mit ein, wenn wir über die Lieder sprechen", meint ein Theologiestudent, "manchmal sind wir auf der theologischen Schiene etwas festgefahren."

Vergeht die Weihnachtsstimmung bei so viel gnadenlosem Realismus nicht? "Wenn wir die Lieder in der Kirche singen, kommt immer weihnachtliche Stimmung auf", sagt eine Medienwissenschaftlerin. Deswegen wünschen sich die Studierenden auch ein kleines Abschlusskonzert, das in der Schlosskirche stattfinden soll.

Ansprechpartner:
Professor Dr. Michael Meyer-Blanck
Evangelisch-Theologische Fakultät der Universität Bonn
Seminar für Evangelische Theologie
Telefon: 0228/73-7668
E-Mail:
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