Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Sections
Sie sind hier: Startseite Die Universität Informationsquellen Presseinformationen 2003 AIDS-Therapie weniger riskant als angenommen

AIDS-Therapie weniger riskant als angenommen

Auch bei Zweitinfektion mit Hepatitis C mehr Licht als Schatten

Die Immunschwäche AIDS lässt sich inzwischen mit effektiven Wirkstoff-Cocktails erfolgreich behandeln - leider mit der Gefahr gefährlicher Nebenwirkungen. Die eingesetzten Medikamente können dabei vor allem die Leber schädigen. Gerade für HIV-Infizierte, die zusätzlich an der Leberentzündung Hepatitis C leiden, galt die "hoch aktive antiretrovirale Therapie" (HAART) daher bislang als riskant - zu unrecht, wie Forscher der Universität Bonn nun in der aktuellen Ausgabe des renommierten Mediziner-Fachblatts "The Lancet" feststellen (Vol. 362 S. 1687ff). Ganz im Gegenteil: AIDS-Patienten, die zusätzlich unter Hepatitis C litten und mit HAART therapiert wurden, verstarben im Verlauf der zwölfjährigen Studie sogar seltener an Leberkomplikationen als Probanden, die weniger effektiv oder gar nicht therapiert worden waren. Die Ergebnisse haben große praktische Bedeutung: In Europa und den USA ist nach Schätzungen jeder dritte HIV-Patient gleichzeitig mit dem Hepatitis C-Erreger infiziert.

Die Wissenschaftler hatten insgesamt 285 Patienten mit AIDS und Hepatitis C über einen Zeitraum von zwölf Jahren beobachtet. Gut 80 Prozent der Probanden litten unter einer Blutgerinnungsstörung. 93 Patienten wurden mit HAART therapiert, 55 mit weniger wirksamen Präparaten; 137 unterzogen sich keiner medikamentösen Behandlung. Als HAART bezeichnet man die Behandlung mit einer Kombination verschiedener Wirkstoffe, die wichtige Virus-Enzyme hemmen und so eine Vermehrung der HI-Viren im Körper deutlich behindern. Dank der Medikamente nimmt die Virenzahl im Blut ab; die Immunabwehr erholt sich. Gleichzeitig kann  der Wirkstoff-Cocktail aber die Leber schädigen - insbesondere dann, wenn die Leberzellen ohnehin schon mit einer Hepatitis C-Infektion zu kämpfen haben.

Geringeres Risiko, an einer Hepatitis C zu versterben

 "HAART belastet die Leberzellen in der Tat stark", erklärt der Bonner  Internist Professor Dr. Ulrich Spengler. So kam es bei 13 der 93 HAART-Patienten zu ernsten Leberreaktionen; sechs von ihnen mussten die Behandlung unterbrechen, konnten sie jedoch nach einmonatiger Pause mit einem veränderten Wirkstoffmix wieder fortsetzen. Gleichzeitig zeigte die Studie aber, dass die HAART-Behandlung die Gefahr eines tödlichen Verlaufs der chronischen Leberinfektion mit dem Hepatitis C Virus sogar deutlich reduzierte: Bei den unbehandelten Patienten lag nicht nur die Gesamt-Mortalität viermal höher als bei den HAART-Probanden, Todesursache war bei ihnen ebenfalls knapp viermal so häufig eine schwere Störung der Leberfunktion.

"Warum das so ist, wissen wir allerdings im Detail nicht", gibt Professor Spengler zu. Vielleicht nimmt die Leberentzündung bei einem geschwächten Immunsystem einen schwereren Verlauf. Wenn sich dann während der HIV-Behandlung die Immunabwehr erholt, könnte sich das auch positiv auf die Hepatitis auswirken. "Dagegen spricht aber, dass im Laufe der HAART-Behandlung die Zahl der Hepatitis-Viren im Blut der Betroffenen deutlich anstieg - weit stärker sogar als in den Vergleichsgruppen, die weniger aggressiv oder gar nicht therapiert worden waren", so der Internist.

"Die Gefahr einer toxischen Leberschädigung durch die eingenommenen Medikamente besteht bei HAART zweifelsohne", fasst Professor Spengler die Ergebnisse zusammen. "Dennoch überwiegen die positiven Auswirkungen der Behandlung bei weitem - sowohl auf den Verlauf der Immunschwäche als auch auf den der Leberentzündung." "The Lancet" fordert denn auch in einem Kommentar, den Einsatz des aggressiven HAART-Cocktails auch bei Hepatitis C-Patienten auf keinen Fall in Frage zu stellen. Ziel müsse es allerdings sein, neue Wirkstoffe gegen HIV zu entwickeln, die die Leber weniger stark belasten.

Ansprechpartner:
Professor Dr. Ulrich Spengler
Medizinische Klinik und Poliklinik I der Universität Bonn
Telefon: 0228/287-5850
E-Mail:
[Email protection active, please enable JavaScript.]

Artikelaktionen