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Sie sind hier: Startseite Die Universität Informationsquellen Presseinformationen 2003 Engpass lässt die Tränen träufeln

Engpass lässt die Tränen träufeln

Neue Behandlungsmethode für unangenehmes Leiden

Stetig schwimmende Augen können auf einen Engpass in den Tränenkanälen hindeuten. Etwa fünf Prozent aller Patienten, die in eine Augenklinik kommen, klagen über den lästigen Tränenfluss, der ihre Sicht beeinträchtigt und in schweren Fällen sogar einen Wechsel des Arbeitsplatzes erforderlich machen kann. Ein Mediziner an der Universität Bonn hat eine neue Methode entwickelt, dieses unangenehme Leiden zu beheben: Mit einem haarfeinen Ballonkatheter weitet er die Einschnürung; in einigen Fällen verhindert aber erst das Einbringen einer  dünnen Leitschiene als Stütze (Stent), dass sich der Tränenweg wieder verschließt.

"Dieses Übel ist eines der beschwerlichsten und unangenehmsten, und umso lästiger, als es nur durch eine schmerzliche, höchst verdrießliche und unsichere Operation geheilt werden kann", klagte schon Johann Wolfgang von Goethe. Zu Lebzeiten des deutschen Dichterfürsten war das "Tränenträufeln", fachsprachlich Epiphora, nur chirurgisch zu beheben - durch einen relativ schweren Eingriff, bei dem die Mediziner eine Knochenlamelle zwischen Auge und Nase durchbrechen mussten. Anschließend fädelten sie ein Pferdehaar in die abführenden Tränenkanäle ein und bewegten es dort wie einen Pfeifenreiniger hin und her, um ein erneutes Verstopfen des Tränenapparates zu vermeiden. Heute ersetzt ein Silikonschlauch das Pferdehaar, und die Operation wird typischerweise unter Vollnarkose durchgeführt. Sie erfordert in der Regel einen mehrtägigen stationären Aufenthalt.

Minikatheter ersetzt Pferdehaar

"Das muss auch anders gehen", dachte sich Dr. Kai Wilhelm von der Universität Bonn schon 1994 und sann auf eine schonendere Alternativ-Methode. Als Vorbild diente ihm die Behandlung verengter Blutgefäße: Dabei schiebt man einen dünnen Schlauch, einen so genannten Katheter, unter Röntgenkontrolle durch die verengte Ader zur Einschnürung vor und pumpt ihn dort auf, um das betroffene Gefäß zu weiten. Problem: Die Tränenkanäle sind sehr viel dünner; so feine Ballonkatheter mussten erst noch konstruiert werden.

Dr. Wilhelm entwickelte daher einen speziellen Katheter, den er über die Tränenpünktchen, das sind die kleinen Einmündungen oberhalb und unterhalb des inneren Augenwinkels, in die Tränenwege einfädeln kann. Normalerweise dünner als ein Millimeter, lässt er sich auf bis zu drei Millimeter aufblasen, um den Verschluss zu sprengen. "Neuerdings verfügen wir auch über eine Stütze, die den Tränenapparat schient. Diesen so genannten Stent können wir für ungefähr einen  Monat im Tränenapparat belassen. Er verhindert, dass die Tränenwege nach der Behandlung wieder zusammenschnurren", erklärt der Neuroradiologe. Der Eingriff erfolgt ambulant unter lokaler Betäubung; den richtigen Sitz von Katheter oder Stent sowie den Erfolg der Behandlung überprüft Wilhelm dann auf dem Röntgenbild.

Über 180 Patienten hat der Radiologe bereits mit der neuen Methode  behandelt - mit hervorragendem Erfolg: In über 80  Prozent der Fälle konnte er die Verengung  dauerhaft beseitigen. Der neue Tränenwegsstent verspricht nun auch dann Erfolg, wenn die Tränenwege durch das umgebende Gewebe sofort wieder zusammengedrückt werden. Die Krankenkassen zahlen das Verfahren noch nicht; dazu ist es wohl noch zu neu. Doch die Methode hat sich bereits herumgesprochen. Dr. Wilhelm: "Wir behandeln täglich bis zu zwei Patienten."

Frauen sind häufiger betroffen

Grund für den lästigen Tränenfluss ist meist eine chronische Entzündung der ableitenden Tränenwege. Da sie vom inneren Augenwinkel durch einen knöchernen Gang zur Nase führen, können sie sich nicht beliebig ausdehnen, sondern schwellen zu. Die Tränen können nicht mehr abfließen; die Augen schwimmen permanent wie nach einer Motorrad-Fahrt im Gegenwind. Frauen sind häufiger betroffen als Männer: Ihre Tränenwege sind feiner; außerdem können mit dem Lidschatten Pigmente in die Kanälchen gelangen und sie reizen. Ist der Durchgang einmal verstopft, können auch über Augentropfen keine Wirkstoffe mehr dorthin gelangen.

Um auch Kollegen in der neuen Technik trainieren zu können, hat der Privatdozent von Experten am Forschungszentrum caesar ein naturgetreues Kopfmodell entwickeln und herstellen lassen (siehe Abbildung). Daran können die Mediziner üben, den Katheter in die winzigen Ausgänge der Tränenwege einzufädeln. Am 14. und 15. November findet zu dieser Thematik unter der Leitung von Dr. Wilhelm und in Kooperation mit der europäischen Gesellschaft für Interventionelle Radiologie ein Workshop  statt.

Hinweis für TV-Redaktionen: Nach Absprache mit Dr. Wilhelm ist es grundsätzlich möglich, bei einem derartigen Eingriff zu filmen.

Ansprechpartner:
Privatdozent Dr. Kai Wilhelm
Radiologische Klinik der Universität Bonn
Telefon: 0228/287-6311 oder -6505
E-Mail:
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An einem naturgetreuen Kopfmodell, das von der rapid prototyping group der Stiftung caesar entwickelt und hergestellt wurde, können die Mediziner den Eingriff üben.
© Stiftung caesar
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