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Kulturgeschichte des Menschenversuchs

Neue interdisziplinäre Emmy Noether-Forschungsgruppe

Versuche am lebenden Menschen gibt es seit der Antike; in den NS-Konzentrationslagern führten sie zu einer beispiellosen Fusion wissenschaftlicher Perversion und mörderischer Perfektion. Die Darstellung von Menschenversuchen in Wissenschaft, Literatur, Video und Film sowie ihr Beitrag zum jeweils gültigen Menschenbild sind Thema einer neuen Emmy Noether-Forschungsgruppe an der Universität Bonn. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) unterstützt das interdisziplinäre Projekt in den kommenden vier Jahren mit 700.000 Euro. Deutschlandweit fördert die DFG rund 180 Emmy Noether-Gruppen, davon lediglich 15 in den Geisteswissenschaften.

Im Sommer 1971 führte der amerikanische Psychologie-Professor Philip G. Zimbardo an der Stanford-Universität einen Versuch durch, mit dem er die Frage beantworten wollte, ob an einem "bösen Ort" die Menschlichkeit triumphiert - oder das Böse. Er heuerte Studenten an, die in einer "spannenden Simulation des Gefängnislebens" Wärter oder Gefangene spielen sollten. "Unsere für zwei Wochen geplante Untersuchung musste bereits nach sechs Tagen vorzeitig beendet werden", schreibt Zimbardo auf seiner Webseite www.prisonexp.org. "In nur wenigen Tagen wurden unsere Strafvollzugsbeamten zu Sadisten, und unsere Gefangenen zeigten Anzeichen von Depressionen und extremem Stress." In psychologischen Fachzeitschriften hielt Zimbardo seine Beobachtungen in sachlichem Jargon fest, stets überzeugt von der Bedeutung seiner Studie.

1998 griff der Wissenschaftsthriller "Blackbox" die Thematik auf; zwei Jahre später rückte der Film "Das Experiment" mit Moritz Bleibtreu das Menschenverachtende an dem Gefängnis-Versuch in den Mittelpunkt und sorgte damit nicht nur in den deutschen Feuilletons für reichlich Diskussionsstoff. Inzwischen hat die BBC die Studie in einer Reality-TV-Sendung verewigt und so der fiktiven Aufbereitung realere und damit "wissenschaftlichere" Züge verliehen. "Ein wunderbares Beispiel dafür, wie ein wissenschaftlicher Versuch schließlich sogar in die Popkultur eingeht und wie dabei jedes Medium ganz andere Aspekte des Experiments betont", erklärt Dr. Nicolas Pethes.

Finanziert durch das Emmy Noether-Programm, das von der DFG speziell für Nachwuchswissenschaftler ins Leben gerufen wurde, hat der Germanist selbst zwei Jahre in Stanford gearbeitet und dabei auch Professor Zimbardo interviewt. Ihn interessiert unter anderem, auf welche Weise verschiedene Medien ein wissenschaftliches Thema aufgreifen und dabei völlig unterschiedliche Botschaften transportieren können. "Und das nicht nur deshalb, weil es sich bei Zimbardos Aufsätzen in den psychologischen Fachzeitschriften um Tatsachenberichte handelt, bei dem Kinofilm oder der BBC-Show dagegen letztlich um Fiktion", betont er. "Auch wissenschaftlíche Publikationen sind nicht objektiv, selbst wenn sie diesen Eindruck zu wecken verstehen. Wie alle anderen Medien wollen auch sie überzeugen und nutzen dazu rhetorische Mittel." Selbst nicht-fiktionale Bilder oder Videos vom selben Thema können dagegen eine ganz andere Wahrheit vermitteln: Als Zimbardo Anfang der 90er Jahre die Filme veröffentlichte, in denen er seinen Versuch festgehalten hatte, brach ein Sturm der Entrüstung los, in dessen Folge er erstmals öffentlich Probleme beim Verlauf des Experiments einräumte und sich davon distanzierte.

Pethes untersucht auch den wechselseitigen Einfluss von Menschenversuch und Medien. "Nehmen Sie beispielsweise die Fallgeschichte aus der Psychologie, die im 18. Jahrhundert überhaupt erst entsteht - so nach dem Motto ‚Herr xyz kam zu mir und klagte über schlimme Alpträume'. Die Psychologen hatten ein Darstellungsproblem, dass sie ‚literarisch' lösten - durch diese erzählende Art der Schilderung." Andererseits beeinflusste die wissenschaftliche Fallgeschichte auch die Literatur. "In der Folge beschrieben viele Autoren ihre Protagonisten zunehmend als ‚Fälle' und schafften es durch diesen Trick, dass fiktionale Geschichten als konkrete Fallbeispiele gelesen wurden." Der DFG-Nachwuchsgruppenleiter interessiert sich jedoch nicht nur für Geschriebenes. "Wir sammeln auch Filme oder Videos, die sich mit Menschenversuchen beschäftigen. Zumal Reality-Shows wie Big Brother oder auch die Performance-Kunst inzwischen selbst mit ihren Darstellern experimentieren" - medial inszenierte Menschenversuche.

In einer interdisziplinären Forschungsgruppe will Pethes zusammen mit der Japanologin Dr. Birgit Griesecke und den Doktoranden Katja Sabisch und Marcus Krause die Kulturgeschichte des Menschenversuchs aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten - auch anhand der dunkelsten Zeit in der jüngeren deutschen Geschichte: Katja Sabisch untersucht unter anderem am Beispiel der Sterilisationsexperimente im KZ Ravensbrück, welches Frauenbild in den Laboren der Nazis entsteht. Dr. Pethes: "Jedes Humanexperiment verrät viel über anthropologische Vorannahmen - welche Versuche darf man mit Menschen durchführen; wo beginnt überhaupt der Mensch." Der Germanist hofft, auch einen Beitrag zur Bioethik-Debatte leisten zu können. "Unsere Ethik basiert auf dem jeweils gültigen Menschenbild, das seinerseits durch das Ergebnis von Menschenversuchen geprägt ist. Daher kann die Ethik Menschenversuche gar nicht unabhängig beurteilen: Sie ist Teil des Prozesses."

Die Forschungsgruppe veranstaltet regelmäßig Workshops, Ausstellungen und Filmvorführungen mit anschließender Diskussion. Das aktuelle Programm findet sich unter http://www.germanistik.uni-bonn.de/kgmv/.


Ansprechpartner:
Dr. Nicolas Pethes
Germanistisches Seminar der Universität Bonn
Telefon: 0228/73-4795 oder 0228/4039334
E-Mail:
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