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Trauer um Prof. Dr. Wilhelm Schneemelcher

Ehemaliger Rektor verstarb im Alter von 88 Jahren

Die Universität Bonn trauert um ihren ehemaligen Rektor Professor Dr. Dr. h.c. Wilhelm Schneemelcher. Der Theologe ist am 6. August kurz vor Vollendung seines 89. Lebensjahres verstorben. "Die Universität verliert mit Wilhelm Schneemelcher einen hervorragenden Wissenschaftler, der sich auf dem Gebiet des Neuen Testaments und der alten Kirchengeschichte große Anerkennung erworben hat", sagt Rektor Professor Dr. Klaus Borchard.

Professor Schneemelcher war von 1954 bis zu seiner Emeritierung 1979 an der Bonner Universität tätig und leitete die Universität Bonn in den unruhigen Jahren 1967 und 1968 als Rektor. Neben seiner Forschung an der Evangelisch-Theologischen Fakultät engagierte er sich auch im Dialog mit den orthodoxen Kirchen. Von 1982 bis 1985 war der mit der Ehrendoktorwürde der Universität Straßburg ausgestattete Wissenschaftler Präsident der Rheinisch-Westfälischen Akademie der Wissenschaften. 1995 wurde er mit dem Staatspreis des Landes Nordrhein-Westfalen ausgezeichnet.

 

 

Nachruf (Quelle: Evangelisch-Theologische Fakultät der Universität Bonn)


Prof. D. Dr. h.c. Wilhelm Schneemelcher
* 21. August 1914   † 6. August 2003

Man wird wohl ohne Übertreibung sagen dürfen, dass der Name Wilhelm Schneemelchers heute in der theologischen Wissenschaft Weltruf genießt. Der internationale Ruhm des Bonner evangelischen Theologen verdankt sich in erster Linie dem "Hennecke-Schneemelcher", also den beiden Bänden der "Neutestamentlichen Apokryphen in deutscher Übersetzung", die Wilhelm Schneemelcher im Anschluss an eine ältere Sammlung Edgar Henneckes zweimal völlig neu bearbeitet hat. Darin waren Evangelien und andere Texte erhalten, die keine Aufnahme in den biblischen Kanon der Christenheit gefunden haben, aber teilweise ebenso alt wie unsere neutestamentlichen Schriften sind. Der "Hennecke-Schneemelcher" machte diese Literatur nicht nur Fachleuten, sondern auch einem weiteren Publikum innerhalb und außerhalb der Kirche zugänglich. In knappen, präzise formulierten Einleitungen und Fußnoten sowie zusammenfassenden Bibliographien wurde der Forschungsstand der Zeit zu diesen Werken präsentiert. Hierzu konnte Schneemelcher seine weit reichenden ökumenischen Kontakte nutzen: Es gelang ihm, zur Bearbeitung der einzelnen Teile die besten Gelehrten aus verschiedenen Ländern und Konfessionen, Neutestamentler wie Spezialisten für die Geschichte und Literatur der Alten Kirche (Patristiker) zu gewinnen, so dass die von Schneemelcher erstmals verantwortete 3. Auflage des ersten Bandes, als sie 1959 in Tübingen erschien (Bd. II 1964), sofort zum Standardwerk avancierte und ebenso wie die fünfte Auflage (1987/89, die vierte Auflage 1968 war lediglich ein Nachdruck der dritten) ins Englische übersetzt wurde.

Als der "Hennecke-Schneemelcher" 1959 herauskam, war sein Neuherausgeber bereits seit fünf Jahren an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Bonn als Professor für Neues Testament und Geschichte der Alten Kirche tätig. Die heute leider kaum noch zu findende Verbindung von Bibelwissenschaft und Patristik hatte Schneemelcher von seinem wichtigsten theologischen Lehrer übernommen. Am 21. August 1914 in ein Berliner Pfarrhaus geboren (der Vater hatte bei Adolf von Harnack promoviert) hatte er das wissenschaftlich-theologische Handwerk an der Humboldt-Universität bei dem Neutestamentler und Kirchenhistoriker Hans Lietzmann erlernt, wo er auch 1938 mit einer liturgiegeschichtlichen Arbeit zum Lizentiaten der Theologie promoviert wurde. (Die Veröffentlichung der Dissertation verzögerte sich immer wieder, bis das Manuskript in den letzten Kriegsmonaten beim Verlag verbrannte.) Schneemelcher sah sich zeitlebens in der liberalen Tradition eines Harnack und Lietzmann.

Letzterem gelang es, seinem Schüler an der Preußischen Akademie der Wissenschaften als wissenschaftlichem Hilfsarbeiter bei der berühmten Kirchenväterkommission ein Auskommen zu verschaffen, wo dieser sich in die spezifischen Probleme von Editionen lateinischer und griechischer Texte aus der Zeit der Alten Kirche einarbeitete. Da der junge Wissenschaftler jedoch politisch als unzuverlässig galt, ging diese Tätigkeit 1939 zu Ende, und ihm blieb nichts anderes übrig, als eine Buchhändlerlehre zu absolvieren, die zeitweise durch den Kriegsdienst unterbrochen wurde.

Schneemelcher konnte seine akademische Laufbahn erst nach dem Zweiten Weltkrieg fortsetzen, parallel zu einer Tätigkeit als Landpfarrer in Stöckheim bei Northeim. Er erhielt einen Lehrauftrag an der Universität Göttingen, wo er sich auch 1949 mit einer quellenkritischen Arbeit zur Dogmengeschichte des vierten Jahrhunderts habilitierte und dann eine Assistentur übernehmen konnte. 1953 wurde er zum außerplanmäßigen Professor ernannt, bevor er im darauf folgenden Jahr erst als Extraordinarius, seit 1956 als Ordinarius nach Bonn auf den dort errichteten zweiten kirchengeschichtlichen Lehrstuhl wechselte (später: Neues Testament und Geschichte der Alten Kirche).

In Bonn hat Schneemelcher ein Vierteljahrhundert, bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1979, gewirkt (Rufe nach Jena [1954] und nach Hamburg [1955] lehnte er ab) und bedeutende Arbeiten vor allem zur Entwicklung der theologischen Grundlehren in der Zeit der Alten Kirche vorgelegt, die seine Schüler Wolfgang Bienert und Knut Schäferdiek 1974 in einem Band "Gesammelte Aufsätze zum Neuen Testament und zur Patristik" vereinigten. 1991 folgte ein zweiter Band mit "Reden und Aufsätzen". In Bonn entfaltete Schneemelcher eine Vielzahl an wissenschaftlichen Aktivitäten, die weit über den traditionellen Zweiklang von Lehre und Forschung hinausgingen. Hier entwickelte er sich schnell zum bedeutenden Wissenschaftsorganisator: Er wirkte als Präsident des Fakultätentages und als Vorsitzender der Theologentage in Berlin 1958 und 1960 und war maßgeblich beteiligt an der Gründung der Patristischen Kommission der Akademien der Wissenschaften. 1956 rief er die "Bibliographia Patristica" ins Leben und führte daneben die durch den frühen Tod von Hans-Georg Opitz zum Erliegen gekommene kritische Ausgabe der Werke des Athanasius von Alexandrien weiter. Seit 1963 gab er zusammen mit Kurt Aland die "Patristischen Texte und Studien" heraus; daneben war er Mitherausgeber der "Zeitschrift für Kirchengeschichte". Ebenfalls im Jahr 1963 wurde er in den Wissenschaftsrat berufen, dem er bis 1967 angehörte. 1973 erfolgte die Wahl in die Rheinisch-Westfälische Akademie der Wissenschaften. Als Präsident der Akademie amtierte Schneemelcher von 1982 bis 1985.

Der Kirchenhistoriker engagierte sich auch in der akademischen Selbstverwaltung und wurde für das akademische Jahr 1967/68 zum Rektor der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität gewählt, in ein Amt, dessen Ausübung ihm in Zeiten der Studentenunruhen nicht leicht fiel.

Schneemelchers vielfältige Aktivitäten, zu denen auch der Vorsitz im Arbeitskreis des Bonner Hauses der Geschichte zählte, wirkten anregend auf den akademischen Nachwuchs. Mehrere der von ihm betreuten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben in der Folgezeit kirchengeschichtliche Professuren übernommen, so dass Schneemelcher in gewisser Weise schulbildend gewirkt hat: Im überwiegend dogmengeschichtlichen Interesse seiner Schülerinnen und Schüler wird auch der wissenschaftliche Schwerpunkt des Bonner akademischen Lehrers deutlich.

Eine Festschrift, die zum 75. Geburtstag erschien, macht schließlich Schneemelchers Verdienste um die ökumenische Verständigung vor allem mit der Orthodoxen Kirche deutlich. Neben Beiträgen evangelische und katholischer Forscher finden sich hier auch mehrere Artikel von griechisch- und rumänisch-orthodoxen Theologen und Würdenträgern. Vor allem die Kontakte zur griechischen Orthodoxie hatte der Patristiker seit den sechziger Jahren intensiv gepflegt.

Wilhelm Schneemelcher wurde in vielfältiger Weise geehrt. So erhielt er u.a. Ehrendoktorwürden der Universitäten Göttingen (1954) und Straßburg (1966), das große Verdienstkreuz mit Stern des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland (1984) und den Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen (1986). 1995 wurde er mit dem Staatspreis des Landes Nordrhein-Westfalen ausgezeichnet.

Wilhelm Schneemelcher heiratete am 31. Mai 1940 seine Frau Eva, geb. Ackermann († 15. März 1999). Das Paar hatte vier Kinder.

Die Evangelisch-Theologische Fakultät der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn gedenkt des Verstorbenen in Ehrerbietung.

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