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\"Wenig Polemik, viel konstruktive Diskussion\"

Reichsreligionsgespräche von 1540/41 zeigen Konfessionen konsenswillig

Ende Mai wurde auf dem ersten Ökumenischen Kirchentag in Berlin offenbar, dass es mit der Verständigung zwischen Katholiken und Protestanten noch immer hapert: Der Papst verbot ein gemeinsames Abendmahl der beiden Konfessionen; ein aufmüpfiger Theologe wurde inzwischen vom Dienst suspendiert. Da war man vor gut 450 Jahren schon weiter: Auf den so genannten Reichsreligionsgesprächen verständigten sich die beiden Seiten über strittige Fragen. "In einigen Punkten waren sich Protestanten und Altgläubige damals näher als heute", urteilt Professor Dr. Karl-Heinz zur Mühlen von der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Bonn. Zusammen mit Theologen und Historikern aus Mainz und München arbeitet er an einer kritischen Edition der insgesamt fünf Treffen zwischen 1540 und 1557; die ersten vier Bände sind bereits erschienen.

Im Sommer 1540 initiierte der katholische Kaiser Karl V. in Hagenau ein erstes Religionsgespräch auf Reichsebene. Ziel: Fürsten, Juristen und Theologen der katholischen und protestantischen Seite sollten die strittigen Punkte zwischen Altgläubigen und Reformern diskutieren und Konsensmöglichkeiten ausloten. Mit Erfolg: Zwar zeigten sich die beiden Seiten zunächst wenig kompromissbereit; doch beim zweiten Religionsgespräch in Worms wenige Monate später und beim dritten Treffen auf dem Reichstag zu Regensburg im Frühjahr 1541 kam es zu fruchtbaren theologischen Debatten auf hohem wissenschaftlichen Niveau. "Über Punkte wie die Rechtfertigungslehre - ob Gott den Sünder nach dessen Leistungen und Verfehlungen richtet oder allein durch seine Gnade - konnte man sich dabei verständigen. Andere wie die Papstfrage oder die Wandlung von Hostie und Wein in Christi Leib und Blut blieben dagegen strittig", erklärt Professor Dr. Karl-Heinz zur Mühlen. Der Bonner Kirchenhistoriker hat in den Regensburger Aufzeichnungen "wenig Polemik, sondern echten Willen zum Ausgleich trotz dogmatischer Differenzen" ausgemacht. "In manchen Fragen waren sich Protestanten und Altgläubige sogar näher als heute." Allerdings sei auch deutlich das Interesse der Politik zu spüren, die Gespräche zu instrumentalisieren, um kirchenpolitischen Einfluss auszuüben.

Anfang der 90er Jahre hatte der Wissenschaftler damit begonnen, in europäischen Archiven nach Material zu den Reichsreligionsgesprächen zu fahnden - für die ökumenische Forschung sind die Dokumente hoch interessant. Ganze Bündel offizieller Protokolle, persönlicher Mitschriften oder von Briefwechseln zwischen den Teilnehmern hat er mit seinen Kollegen aus Mainz und München inzwischen zusammen getragen. Seit 1996 läuft nun der Sisyphusarbeit zweiter Akt - die Entzifferung der Schriften. Manche Aufzeichnungen ähneln nämlich dem eilig hingekritzelten Rezept eines Arztes; allerdings einem Rezept mit vielen Dutzend Seiten, in Frühneuhochdeutsch verfasst, das außerdem weite Passagen in einer Art altertümlichem Steno enthält. "In einigen Texte finden wir sogar kurze Buchstabenfolgen in Geheimschrift", erklärt die Projektmitarbeiterin Saskia Schultheis. "Davor müssen wir dann meist kapitulieren."

In jahrelanger Detailarbeit haben die Wissenschaftler die mikroverfilmten Dokumente am Lesegerät in lesbare Druckschrift transskribiert; teilweise erschloss sich die Schrift erst unter der Lupe. Das Material der beiden ersten Treffen in Hagenau und in Worms, ergänzt um kritische Kommentare und historische Einordnungen, ist inzwischen erschienen - insgesamt vier Bände mit knapp 3.000 Druckseiten. Die Edition der Regensburger Gespräche soll im nächsten Jahr ihren Abschluss finden.

Nach einer Förderung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) stellt nun bis 2006 die "Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur" Personal- und Sachmittel zur Verfügung. Bis dahin wollen die Beteiligten auch die Dokumente zu den letzten beiden Treffen 1546 in Regensburg und 1557 in Worms erschlossen haben. Ihre Ergebnisse sind nicht nur für Kirchenhistoriker und Religionswissenschaftler interessant: Da die Mitschriften in unterschiedlichen regionalen Dialekten verfasst sind, können Germanisten an ihnen die Entwicklung der deutschen Sprache nachvollziehen.

Ihr in Regensburg gezeigter Einigungswille nutzte den Gesprächspartnern übrigens nur wenig: Der Friedensschluss von Crépy im September 1544 verschaffte dem immer wieder in Kriege verwickelten Karl V. Luft, so dass er nun gegen die "Ketzer" im eigenen Reich vorgehen konnte. Das vierte Religionsgespräch im Frühjahr 1546 in Regensburg diente dem Kaiser nur noch als Legitimation für den "Schmalkaldischen Krieg", den er kurz darauf mit der Verhängung der Reichsacht gegen die protestantischen Landesfürsten Philipp von Hessen und Johann Friedrich von Sachsen eröffnete.

Akten der deutschen Reichsreligionsgespräche im 16. Jahrhundert, hg. im Auftrag der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz v. Klaus Ganzer und Karl-Heinz zur Mühlen, Göttingen 2000 ff.

Ansprechpartner:
Professor Dr. Karl-Heinz zur Mühlen
Ökumenisches Institut der Universität Bonn
Telefon: 0228/73-7670
E-Mail:
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oder Saskia Schultheis
E-Mail:
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WWW:
http://www.religionsgespraeche.uni-bonn.de

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Da hilft die schärfste Brille nichts: Manche Mitschriften sind selbst unter der Lupe kaum zu entziffern.
Fotos: Frank Luerweg / Universität Bonn
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