2010
Das gewisse Etwas. Faszination, Stars und Fans in Literatur und Film
Übung im MA-Modul ›Mediendifferenz im historischen Prozess‹, Institut für Germanistik, Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft/Medienwissenschaft, Universität Bonn, SS 2010 [Kommentar]
»Faszination« ist ein Begriff, der ursprünglich dem Bereich der Magie entstammt und sich lange Zeit vor allem auf eine ›visuelle Verzauberung‹ (etwa durch den bösen, aber auch den erotischen Blick) und ›Verblendung‹ bezog. Sein archaisches Erbe hat das Wort auch im Zuge der Aufklärung nicht vollständig abgelegt: Noch heute verweist Faszination auf eine ›magische‹, ebenso unerklärliche wie unüberwindliche Anziehungskraft, die von einer Person oder einem Gegenstand ausgeht. Kein Wunder, dass der Begriff in solchen Diskursen eine zentrale Rolle spielt, die sich ihrerseits auf einen kulturellen und medialen Schauplatz angeblicher Archaismen, Ersatzreligionen und Irrationalitäten beziehen: In Texten über Stars, Fans und ihre Verhältnisse ist von Faszination nicht nur ständig die Rede; hier wird der ansonsten häufig gerade zur ›Reflexionsunterbrechung‹ eingesetzte Begriff mitunter auch reflektiert und sogar theoretisch produktiv gemacht.
In der Übung widmen wir uns einigen einschlägigen historischen Versuchen, jenes »gewisse Etwas«, das vom Faszinosum aus- und auf den Faszinierten übergeht, sprachlich und medial einzuholen theoretisch (Psychoanalyse/Kulturtheorie, Religionswissenschaft, Medienästhetik) sowie in exemplarischen literarischen Texten und Filmen. Auch verwandte Begriffe wie Charisma, Glamour oder Fetischismus werden zu berücksichtigen sein.
Diskutiert werden Texte u.a. von Theodor Adorno/Max Horkheimer, Roland Barthes, Sigmund Freud, Irmgard Keun, Jacques Lacan, Thomas Mann, Ovid, Ludwig Tieck und Max Weber und Filme u.a. von Alfred Hitchcock, Charlie Chaplin, Leni Riefenstahl, Joseph von Sternberg, Billy Wilder und Andy Warhol.
[schließen]Medien und Magie: Geschichte und Ästhetik der visuellen ›Verzauberung‹
Übung im Modul ›Kultur und Medien: Geschichte und Konzepte‹, Institut für Germanistik, Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft/Medienwissenschaft, Universität Bonn, SS 2010 [Kommentar]
Nicht nur in seinen Anfängen wurde dem Kino häufig zugeschrieben, dass es den Zuschauer ›verzaubert‹. Wie die Medien- und Kulturgeschichte des Films zeigt, handelt es sich dabei nicht notwendig um eine Metapher. Bereits das Beispiel der »Laterna magica« als Vorform des Filmprojektors verdeutlicht, dass die Entwicklung des Kinos mit der Geschichte der optischen Magie aufs engste verknüpft ist.
Dieser historische Zusammenhang wird in der Übung anhand ausgewählter Beispiele rekonstruiert. Dabei liegt der Akzent auf Texten und vor allem Filmen, die eigenes Verhältnis zur optischen Magie nicht nur thematisieren, sondern auch formal reflektieren (etwa durch medienspezifische Verfahren der Illusionierung). Thematische Schwerpunkte sind u.a.: frühneuzeitliche Traktate zur optischen Magie; literarische Illusionierung und optische Täuschung um 1800; die Spezialeffekte der (Geister-)Fotographie; Méliès' Zaubershows und Kinematographen-Filme; ›hypnotische‹ Stummfilme; Zauber und Zauberer im Hollywood-Film (z.B. »Prestige«). Die Veranstaltung bietet damit auch die Gelegenheit, sich einen ersten mediengeschichtlichen Überblick zu verschaffen.
Literatur: Bodo von Dewitz/Werner Nekes (Hg.), Ich sehe was, was Du nicht siehst! Sehmaschinen und Bilderwelten. Die Sammlung Werner Nekes, Göttingen: Steidl Verlag 2002 Simon During, Modern Enchantments. The Cultural Power of Secular Magic, Cambridge, Mass. [u.a.]: Harvard University Press 2002 Marina Warner, Phantasmagoria: Spirit Visions, Metaphors, and Media Into the Twenty-first Century, Oxford: Oxford University Press 2006.
[schließen]2009
Praktiken des Sekundären: Aneignung, Zitat, Parodie
Übung im MA-Modul ›Konzepte und Probleme von Literatur- und Medientheorie‹, Institut für Germanistik, Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft/Medienwissenschaft, Universität Bonn, WS 2009/10 [Kommentar]
Als »Praktiken des Sekundären« werden in dieser Übung literarische und mediale Verfahren in den Blick genommen, die die Unterscheidung von Original (als dem Primären) und Kopie (als dem ›nur‹ Sekundären) systematisch verkomplizieren. Dem Begriff der Parodie zum Beispiel ist diese Komplikation bereits eingeschrieben: Im Griechischen steht die Vorsilbe par/a sowohl für »dagegen« wie für »daneben«; sie markiert ein Verhältnis, das gleichzeitig von Nähe und Distanz, von Ähnlichkeit und Differenz gekennzeichnet ist. Entsprechend klingt in dem Wort Parodie sowohl der Neben- wie der Gegengesang an: Parodien beziehen sich in der Regel in der ›parasitären‹ Form des Zitats auf eine Vorlage. Sie sind Kopien eines Originals, die gezielt auf Abweichung setzen, auch wenn das Original als solches erkennbar bleiben muß. Parodien sind ebenso von ihrem ›Wirtstext‹ abhängig, wie sie darauf zurückwirken (etwa wenn sie dessen Originalitätsanspruch stören, indem sie sich darüber lustig machen).
In der Übung werden die Beziehungen zwischen Original und Kopie bzw. zwischen Wirt und Gast, wie sie die Vorsilbe par/a benennt, genauer untersucht und zwar nicht zuletzt im Blick auf die hier ausgetragenen Machtverhältnisse. Vorgesehen ist, die Verfahren der Aneignung, des Zitierens und Parodierens aus einer medienübergreifenden Perspektive zu diskutieren am Beispiel etwa der Zitatmontagen in der Pop-Literatur, der Bildaneignung in Pop Art, Appropriation Art und im Film, der Geschlechterparodie sowie der afroamerikanische Kulturtechnik des Signifyin'. Gelesen werden Texte u.a. von Bertolt Brecht (Stichwort: V-Effekt), Walter Benjamin (Reproduktion und Aura), Judith Butler (Gender-Parodie) und Henri Louis Gates jr. (Signifyin').
Teil der Übung sind ca. 4 Filmtermine am Mittwochabend; SeminarteilnehmerInnen, die diese Termine nicht wahrnehmen können, müssen sich die Filme anderweitig besorgen. Sofern sie nicht in preisgünstigen Ausgaben erhältlich sind, werden die diskutierten Texte im Internet (per ecampus) zur Verfügung gestellt.
Literaturhinweise: Gisela Fehrmann/Erika Linz/Eckhard Schumacher/Brigitte Weingart (Hg.), Originalkopie. Praktiken des Sekundüren, Köln: DuMont 2004 (darin v.a. die Einleitung der HerausgeberInnen). Andrea Gutenberg/Ralph J. Poole (Hg.), Zitier-Fähigkeit. Findungen und Erfindungen des Anderen, Berlin: Erich Schmidt 2001.
[schließen]Wie man (k)eine Geschichte erzählt: Narration in Literatur und Film
Übung im Modul ›Intermedialität‹, Institut für Germanistik, Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft/Medienwissenschaft, Universität Bonn, WS 2009/10 [Kommentar]
Geschichten haben einen eigenartigen Bezug zu den Medien und Zeichensystemen, mittels derer sie erzählt werden: Einerseits sind sie davon unabhängig genug, um sich vom einen ins andere übertragen zu lassen etwa von der mündlichen Erzählung in den schriftlichen Text in den Film etc. Andererseits lässt sich eine Geschichte nicht vollständig vom jeweiligen Medium des Erzählens abstrahieren, da jede Wiedergabe eines Geschehens zwangsläufig den gewählten medialen Bedingungen und Möglichkeiten unterworfen ist (wie die systematischen Schwierigkeiten z.B. der Nacherzählung, der Übersetzung und der Literaturverfilmung auf je verschiedenen Ebenen verdeutlichen).
Ziel des Seminars ist es, am Beispiel literarischer und filmischer Narration eine Beschreibungssprache zu erarbeiten, mit der sich sowohl medienspezifische wie medienübergreifende Verfahren und Strukturmuster des Erzählens bestimmen lassen. Das beinhaltet zunächst eine Auseinandersetzung mit den einschlägigen analytischen Kategorien der literatur- und filmwissenschaftlichen Erzählforschung und deren Anwendung auf ausgewählte literarische und filmische Beispiele. Dabei wird der Vergleich von traditionell-realistischen (linearen) Erzähltechniken und post-/modernen Verfahren der Diskontinuität eine wesentliche Rolle spielen. Außerdem beschäftigen wir uns, u.a. anhand von Drehbuch-Ratgebern, mit den normativen Varianten der Narrationsanalyse, die aus erzählerischen Erfolgsmodellen Rezepte für eine ›gute Story‹ ableiten aber auch mit Versuchen, solchen Erzählkonventionen entgegenzuarbeiten.
Der Filmtermin von 18-20 Uhr ist obligatorischer Bestandteil der Übung.
Sofern sie nicht in preisgünstigen Ausgaben erhältlich sind, werden die diskutierten Texte im Internet (per ecampus) zur Verfügung gestellt.
Zur Anschaffung empfohlen: Matias Martinez/Michael Scheffel, Einführung in die Erzähltheorie, 7. Aufl., München: Beck 2007 (16.90)
[schließen]Literatur und Magie
Seminar im Modul ›Literatur seit dem 19. Jahrhundert‹, Institut für Germanistik, Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft/Medienwissenschaft, Universität Bonn, SS 2009 [Kommentar]
Was man unter »Magie« zu verstehen hat, lässt sich nicht allgemeingültig bestimmen, sondern ist von der jeweiligen historischen und kulturellen Perspektive abhängig. Im weitesten Sinne bezieht sich der Begriff auf die Arten und Weisen, wie sich Menschen zu Mächten und Kräften ins Verhältnis setzen, die ihre rational abgesicherten Erklärungsmuster übersteigen. Die Literatur hat an diesen rätselhaften Beziehungen nicht nur traditionell ein starkes Interesse, sie lässt sich mitunter selbst den als ›magisch‹ geltenden Kulturtechniken zurechnen.
Gegenstand des Seminars sind entsprechend nicht nur theoretische und literarische Texte ›über‹ Magie, sondern auch und insbesondere solche, die ihrerseits auf den Effekt der verbalen Verzauberung abzielen. Anhand von Texten von Shakespeare, Ludwig Tieck, E.T.A. Hoffmann, Gustav Meyrink, Stéphane Mallarmé, Hugo von Hofmannsthal und Thomas Mann beschäftigen wir uns mit den jeweiligen Poetiken der Verzauberung bzw. des ›Wunderbaren‹ und mit der Idee der ›Sprachmagie‹, aber auch mit den Fragen von Macht und Manipulation, die innerhalb dieser magischen Szenarien verhandelt werden.
Literatur zum Einstieg: Christoph Hein, Von der Magie und den Magiern [1984], in: ders., Johann Wallbergens Sammlung natürlicher Zauberkünste oder aufrichtige Entdeckung verschiedener bewährter, lustiger und nützlicher Geheimnüsse, insbesondere denen Wein-Negozianten dienende, Leipzig-Weimar: Gustav Kiepenheuer 1988, S. 329-350. Auch in: Christoph Hein, Die fünfte Grundrechenart. Essays und Reden 1987-1990, Frankfurt/Main: Luchterhand Verlag 1990. Yoko Tawada, Spielzeug und Sprachmagie in der europäischen Literatur: eine ethnologische Poetologie. Tübingen: Konkursbuchverlag, 2000. Robert Stockhammer, Zaubertexte. Die Wiederkehr der Magie und die Literatur 1880-1945, Berlin: Akademie Verlag 2000.
[schließen]Optische Magie: Der Zauber visueller Medien
Seminar im Modul ›Medien und Kultur‹, Institut für Germanistik, Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft/Medienwissenschaft, Universität Bonn, SS 2009 [Kommentar]
Nicht nur in seinen Anfängen wurde dem Kino häufig zugeschrieben, dass es den Zuschauer ›verzaubert‹. Wie die Medien- und Kulturgeschichte des Films zeigt, handelt es sich dabei nicht notwendig um eine Metapher. Bereits das Beispiel der »Laterna magica« als Vorform des Filmprojektors verdeutlicht, dass die Entwicklung des Kinos mit der Geschichte der optischen Magie aufs engste verknüpft ist.
Dieser historische Zusammenhang wird in der Übung anhand ausgewählter Beispiele rekonstruiert. Dabei liegt der Akzent auf Texten und vor allem Filmen, die ihr eigenes Verhältnis zur optischen Magie nicht nur thematisieren, sondern auch formal reflektieren (etwa durch medienspezifische Verfahren der Illusionierung). Thematische Schwerpunkte sind u.a.: frühneuzeitliche Traktate zur optischen Magie; literarische Illusionierung und optische Täuschung um 1800; die Spezialeffekte der (Geister-)Fotographie; Méliès' Zaubershows und Kinematographen-Filme; ›hypnotische‹ Stummfilme; Zauber und Zauberer im Hollywood-Film (z.B. »Prestige«). Die Veranstaltung bietet damit auch die Gelegenheit, sich einen ersten mediengeschichtlichen Üœberblick zu verschaffen. 4-stündig (Filmtermin im Anschluss an die Sitzung).
Literatur: Nicole Gronemeyer, Optische Magie. Zur Geschichte der visuellen Medien in der Frühen Neuzeit, Bielefeld: Transcript Verlag 2004. Simon During, Modern Enchantments. The Cultural Power of Secular Magic, Cambridge, Mass. [u.a.]: Harvard University Press 2002. Edgar Morin, Der Mensch und das Kino. Eine anthropologische Untersuchung, Stuttgart: Ernst Klett Verlag 1958.
[schließen]2008
Bild und Blick um 1800 / Imagery and Eye Contact, 1770-1830
Seminar GERM G4438, Columbia University, Department of Germanic Languages and Literatures, Spring Term 2008 [Kommentar]
Something in the picture is looking back: The impression of being »photo-graphed« by an image, as Jacques Lacan put it, predates both French poststructuralist theory and photography. We encounter its early versions in the numerous scenarios of visual experience as enchantment in late 18th and 19th century literature, aesthetic discourse, and even optical theory.
In our discussion of these texts we will focus on the idea of eye contact as »fascination« ? a concept deriving from the realm of magic and superstition, where it refers to the belief in the evil eye ? and its conflicting connotations of visual pleasure and mortification: What exactly is it that is (projected onto the object of the look as) »looking back« at a subject (which thereby becomes an object)? And what are the rhetorical means employed to account for media difference, for the translation of the visual into the verbal? By reconstructing this crucial part of the discourse on the »power of images« as reflected in literature, the course aims to shed light on modern aesthetics' complex relationship with archaic ideas of vision which it, in its modernity, would prefer to locate in »primitive« cultures.
Reading includes texts by Diderot, Winckelmann, Lessing, Herder, Schiller, Goethe, E.T.A. Hoffmann, Tieck, Eichendorff, Merimée, and Balzac, as well as essays on image theory, optical history and on the discourses of magic and superstition (by Lacan, Didi-Huberman, Crary, Seligmann, Freud, and others).
[schließen]2007
Wie man (k)eine Geschichte erzählt: Narration in Literatur und Film
Proseminar II, Institut für Germanistik, Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft/Medienwissenschaft, Universität Bonn, SS 2007 (zweifach) [Kommentar]
Geschichten haben einen eigenartigen Bezug zu den Medien und Zeichensystemen, mittels derer sie erzählt werden: Einerseits sind sie davon unabhängig genug, um sich vom einen ins andere übertragen zu lassen etwa von der mündlichen Erzählung in den schriftlichen Text in den Film etc. Andererseits lässt sich eine Geschichte nicht vollständig vom jeweiligen Medium des Erzählens abstrahieren, da jede Wiedergabe eines Geschehens zwangsläufig den gewählten medialen Bedingungen und Möglichkeiten unterworfen ist (wie die systematischen Schwierigkeiten z.B. der Nacherzählung, der Übersetzung und der Literaturverfilmung auf je verschiedenen Ebenen verdeutlichen).
Ziel des Seminars ist es, am Beispiel literarischer und filmischer Narration eine Beschreibungssprache zu erarbeiten, mit der sich sowohl medienspezifische wie medienübergreifende Verfahren und Strukturmuster des Erzählens bestimmen lassen. Das beinhaltet zunächst eine Auseinandersetzung mit den einschlägigen analytischen Kategorien der literatur- und filmwissenschaftlichen Erzählforschung und deren Anwendung auf ausgewählte literarische und filmische Beispiele. Dabei wird der Vergleich von traditionell-realistischen (linearen) Erzähltechniken und post-/modernen Verfahren der Diskontinuität eine wesentliche Rolle spielen. Außerdem beschäftigen wir uns, u.a. anhand von Drehbuch-Ratgebern, mit den normativen Varianten der Narrationsanalyse, die aus erzählerischen Erfolgsmodellen Rezepte für eine ›gute Story‹ ableiten aber auch mit Versuchen, solchen Erzählkonventionen entgegenzuarbeiten.
Die ca. 5 Filmtermine am Montagabend sind obligatorischer Bestandteil des Seminars.
[schließen]2006
Vom Hörensagen: Gerüchte
Proseminar I, Institut für Germanistik, Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft/Medienwissenschaft, Universität Bonn, WS 2006/07 [Kommentar]
»Es hat sich herumgesprochen«: Gerüchte sind Botschaften, deren Verbreitung paradoxerweise nicht davon beeinträchtigt wird, daß man nicht genau weiß, wo sie herkommen und ob sie wirklich stimmen im Gegenteil. Gerade daß sie unbestätigt sind, hält die Zirkulation dieser Nachrichten und ihre kollektive Erörterung im Gang. Und einmal in die Welt gesetzt, ist ein Gerücht auch durch die Richtigstellung die immer riskiert, es erneut zu aktualisieren nicht notwendig stillgelegt: »Kein Rauch ohne Feuer«. Kein Wunder, daß nicht nur einschlägige Redewendungen (Gerüchte sind ›ansteckend‹, verbreiten sich ›wie im Flug‹ oder ›wie ein Lauffeuer‹, ›mutieren‹ und sind ›nicht auszurotten‹), sondern auch die Wissenschaften auf epidemische Metaphern und Modelle zurückgreifen, um das wenig griffige Phänomen zu erfassen.
Im Seminar beschäftigen wir uns zunächst mit unterschiedlichen Versuchen, die implizite Logik dieser Kommunikationsform auf den Begriff zu bringen. Ausgehend von den Darstellungen der mythologischen Figuren Fama bzw. Pheme widmen wir uns soziologischen, psychologischen und ethnologischen Erklärungsmodellen; nicht zuletzt werden hier Überschneidungen und Unterschiede zum Klatsch, den ein stärkerer Personenbezug kennzeichnet, herauszuarbeiten sein. Außerdem werden die Befunde der literaturwissenschaftlichen Erzähl- und Zitatforschung auf ihre Übertragbarkeit auf Gerücht und Klatsch überprüft.
Im zweiten Teil des Seminars geht es um literarische und filmische Schreib- bzw. Erzählweisen des Gerüchts, also um Versuche, der Logik des Gerüchts durch entsprechende Darstellungsverfahren Rechnung zu tragen. Hier werden literarische Texte (von den Anekdoten Kleists über Wilhelm Raabes Erzählungen vom Hörensagen bis zu den Zitatmontagen der Popliteratur) sowie Filme (u.a. »M Eine Stadt sucht einen Mörder«; »Citizen Kane«; »Gossip«) zur Diskussion stehen. Dabei stellt sich nicht nur die Frage nach den Medien der Gerüchteübertragung, sondern auch nach dem vermeintlichen Geschlecht des Gerüchts, das wie der Klatsch weiblich konnotiert ist man denke an die entsprechenden ›-Tanten‹, die vorzugsweise in der (Gerüchte-)›Küche‹ oder beim Kaffee aktiv sind.
Literatur zur Einführung: Hans-Joachim Neubauer, Fama. Eine Geschichte des Gerüchts, Berlin: Berlin Verlag 1998.
[schließen]Filmanalyse
Proseminar I, Institut für Germanistik, Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft/Medienwissenschaft, Universität Bonn, WS 2006/07 [Kommentar]
Das Seminar zielt darauf ab, »Filme« als die fremdartigen Erscheinungen in den Blick zu rücken, die sie sind auch wenn sie ihre mediale Beschaffenheit mitunter vergessen machen, weil bestimmte filmische Darstellungskonventionen uns so vertraut sind, dass wir sie als ›natürlich‹ wahrnehmen.
Nach einer kurzen Einführung in die Technik- und Kulturgeschichte des Films erarbeiten wir Konzepte zur Analyse filmischer Verfahren (Mise en scène, Einstellung, Montage, Narration) und beschäftigen uns mit verschiedenen Aspekten filmwissenschaftlicher Kategorisierung (Genre, Autor, Zuschauer, Fiktion/Dokumentation). Die Perspektive auf die Herstellung von ›selbstverständlichen‹ Bedeutungen im Film wird durch die Beschäftigung mit theoretischen Ansätzen vertieft, die das Verhältnis von Konventionalisierung und Abweichung in Filmsprache und -rezeption reflektieren (Neoformalismus, Filmsemiotik, feministische Filmtheorie, Cultural Studies).
Vorgesehen ist eine enge Verzahnung von Theorie und ausgewählten Filmbeispielen (vom Stummfilm bis zu aktuellen Produktionen), was die Bereitschaft zur intensiven Beschäftigung sowohl mit (teilweise englischsprachigen) Texten wie mit Filmen voraussetzt.
Der wöchentliche Filmtermin ist obligatorischer Bestandteil des Seminars.
[schließen]Faszination und Bildmagie um 1800
Einführung II, Germanistisches Seminar/Medienwissenschaft, Universität Bonn, SS 2006 [Kommentar]
Ausgehend vom Begriff der Faszination, der etymologisch auf den Zusammenhang von Sehen und Verblendung bzw. Verhexung verweist, widmet sich das Seminar einer ganz bestimmten Sorte von Bildern in Texten: nämlich solchen »Bildnissen«, die den Betrachter regelrecht verhexen nicht immer, weil sie »bezaubernd schön« sind. Es geht um Wahrnehmungsweisen und Beschreibungen von Bildern, die deren ›magische‹ Qualitäten zu erfassen versuchen und dabei sowohl ein Darstellungsproblem (Unsagbarkeit) wie eine Medienkonkurrenz (ein Bild sagt mehr als tausend Worte) austragen. Dabei nicht zuletzt wird zu fragen sein, was genau es eigentlich ist, das aus dem Bild zurückschaut, welche Platzhalterfunktion das magische Bild jeweils einnimmt eine Frage, der auch in Exkursen in die diskursiven Gefilde von Kunsttheorie, Mythologie, Aberglaube und Geschlechtersemantik um 1800 nachgegangen wird.
[schließen]Literatur- als Medientheorie
Proseminar II, Germanistisches Seminar/Medienwissenschaft, Universität Bonn, SS 2006 [Kommentar]
Auch wenn die audiovisuellen Medien und vor allem der Computer häufig für den vermeintlichen Verfall der Buchkultur verantwortlich gemacht werden, sind »Literatur« und »Medien« keineswegs Gegenbegriffe: Literarische Werke sind ihrerseits medial verfasst, ihre Aufzeichnung und Verbreitung vollzieht sich mittels Medien, sie reagieren auf technische Entwicklungen. Literatur schreibt also immer auch Mediengeschichte/n, und dies nicht erst seit den technischen Errungenschaften des 20. Jahrhunderts.
Im Seminar setzen wir uns mit verschiedenen Versuchen auseinander, den medialen Status von Literatur in deren Analyse miteinzubeziehen und Literaturtheorie (auch) als Medientheorie zu betreiben. Dabei geht es zunächst um Ansätze, die die Besonderheit des »Sprachkunstwerks« in Abgrenzung zu anderen Kunstformen und medialen Formaten bestimmen. Hier wird uns insbesondere Lessings (bis heute) einflussreiche Schrift »Laokoon« (1766) beschäftigen, die »die Grenzen der Malerei und Poesie« abzustecken versucht.
Desweiteren widmen wir uns den durch den Strukturalismus angeregten Versuchen, mediale Differenzen im Rahmen einer übergreifenden Zeichentheorie zu verhandeln und sprach- und literaturtheoretische Verfahren für die Analyse anderer Medien produktiv zu machen (etwa Roland Barthes' »Rhetorik des Bildes« oder Christian Metz' »Sprache des Films«). Schließlich stehen Theorien zur Debatte, die sich mit Prozessen der Übersetzung und der Hybridisierung von Medien beschäftigen und Literatur als Teil eines umfassenderen Medienverbunds in den Blick nehmen (Walter Benjamin, Marshall McLuhan, Friedrich Kittler).
Literatur zum Einstieg: Bernd Stiegler, Literatur und Medien. Einleitung, in: Texte zur Literaturtheorie der Gegenwart, hg. von Dorothee Kimmich, Rolf Günter Renner und Bernd Stiegler, Stuttgart: Reclam 1996, S. 441-448 (dort weitere Hinweise); Friedrich A. Kittler, Literaturgeschichte, in: Heinrich Bosse/Ursula Renner (Hg,), Literaturwissenschaft. Einführung in ein Sprachspiel, Freiburg: Rombach 1999, S. 357-362.
[schließen]2005
Filmanalyse
Proseminar I, Germanistisches Seminar/Medienwissenschaft, Universität Bonn, WS 2005/06 [Kommentar]
Das Seminar zielt darauf ab, »Filme« als die fremdartigen Erscheinungen in den Blick zu rücken, die sie auch und gerade dann sind, wenn sie sich so darstellen, als seien sie ›aus dem Leben gegriffen‹. Nach einer kurzen Einführung in die Geschichte des Films als technisches Medium (und die Probleme, eine bzw. 1 solche zu erzählen) werden wir einzelne Konzepte zur Analyse der filmischen Verfahren erarbeiten, mittels derer Realismus-Effekte erzielt und unterlaufen werden (Mise en scène, Einstellung/Rahmung, Montage, Narration, Genre, Autor, Star). Diese Perspektive wird durch die Beschäftigung mit solchen filmtheoretischen Ansätzen vertieft, die die Unterscheidung zwischen Fiktion und Dokumentation verkomplizieren.
Vorgesehen ist eine enge Verzahnung von Theorie und ausgewählten Filmbeispielen, was die Bereitschaft zu intensiver Lektüre sowohl von Texten wie von Filmen voraussetzt.
Zur Einführung/Vorbereitung empfohlen: James Monaco, Film verstehen, Reinbek, 5. Aufl. 2004.
[schließen]Sexualität und Wahrheit 5
Proseminar II (gemeinsam mit Dr. Claude Haas), Germanistisches Seminar/Medienwissenschaft, Universität Bonn, WS 2005/06 [Kommentar]
1976 veröffentlichte der französische Historiker und Philosoph Michel Foucault den ersten Band seiner Geschichte der Sexualität, der ein Jahr später unter dem Titel »Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit 1« in deutscher Übersetzung erschien. Zwei weitere Bände folgten; der vierte ist bislang unveröffentlicht, da der frühzeitige Tod Foucaults 1984 die rechtliche Situation verkomplizierte.
Im Seminar »Sexualität und Wahrheit 5« soll versucht werden, die seinerzeit spektakuläre These Foucaults, der Sex sei in seiner abendländischen Geschichte zumindest nicht in erster Linie unterdrückt und tabuisiert, sondern als Gegenstand eines ständigen Sprechanreizes einer subtileren Machtausübung unterworfen worden, auf die gegenwärtigen Diskurse über Sexualität zu beziehen. Dies beinhaltet in einem ersten Schritt die intensive Auseinandersetzung mit Foucaults Argumentation und die exemplarische Diskussion historisch älterer Texte (Freud, Bataille, Marcuse u. a.). In einem zweiten Schritt wird die Situation der »sexuellen Revolution« der 60er Jahre bis zur Gegenwart (etwa die Normalisierung ehemals als »abweichend« geltender Sexualitäten, aber auch ihre erneute Stigmatisierung und Pathologisierung in der AIDS-Krise) in den Blick genommen.
Dabei liegt ein Schwerpunkt auf literarischen Texten (z. B. von Sybille Berg, Rolf-Dieter Brinkmann, Michel Houellebecq, Elfriede Jelinek, Philip Roth, Zeruya Shalev); darüber hinaus sind besonders symptomatische Erscheinungsformen des in Film, Fernsehen und Popkultur allgegenwärtigen Themas an einigen Beispielen zu diskutieren (etwa Kinsey, Sex and the City, ausgewählte Pornografie und »Lebenshilfe«). Hier wird uns v. a. der Zusammenhang zwischen Sex und »Geschichte« (Subjektivität) und damit einher die nach wie vor weit verbreitete (Wunsch-)Vorstellung eines geschichtslosen Sex interessieren. So sehr der Porno auf Geschichtslosigkeit zu setzen scheint, so sehr bleiben selbst heute noch als skandalös aber hochkarätig geltende Filme (L'homme qui aimait les femmes, Der letzte Tango in Paris) dem Modell einer stark geschichtsträchtigen Sexualität interessanterweise ausgerechnet des Mannes verpflichtet. Nach Gründen hierfür wird geduldig zu forschen sein.
Lektüre zur Vorbereitung: Michel Foucault, Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit 1, Frankfurt a. M. 1983.
[schließen]Literatur und Fotografie
Proseminar I, Germanistisches Seminar/Medienwissenschaft, Universität Bonn, SS 2005 [Kommentar]
» Wie erklären Sie dann aber folgendes, Herr Professor?« [...] »Eines Tages photographierten wir einen jungen Mann; wir wußten übrigens nichts Näheres über ihn und kannten ihn nur flüchtig eine Kaffeehausbekanntschaft wir wären wohl gar nicht auf die Idee gekommen, mit ihm zu experimentieren, wenn nicht Gustav, eigentlich ohne jeden Anhaltspunkt, in diesem Fall etwas ganz Besonderes, eine wissenschaftliche Ausbeute in unserem Sinne, gewittert hätte. Also wir machen die Aufnahme, ›entwickeln‹, und auf dem Bild zeigt sich mitten auf der Stirn ein deutlicher kreisrunder schwarzer Fleck.« Eine kurze Pause Stillschweigens. »Na und?« fragte der Philosoph. »Und? vierzehn Tage später tötete sich der junge Mann durch einen Schuß in die Stirne. Sehen Sie, hier genau an dieser Stelle, hier haben Sie beide Photographien, die da als Leiche und diese vierzehn Tage früher. Vergleichen Sie selbst!« (Gustav Meyrink, Das allerdings, 1913)
Seit sich die Fotografie im 19. Jahrhundert als Verfahren visueller Aufzeichnung etablierte, hat sich die Literatur vom »Schreiben mit Licht« faszinieren (also auch: verblenden) lassen. Im Seminar wird diese Faszinationsgeschichte anhand einiger Beispiele ›wissenschaftlich ausgebeutet‹. Dabei geht es weniger um den generellen (und umstrittenen) Einfluss der fotografischen Abbildfunktion auf die Realismus-Konzeptionen des 19. Jahrhunderts, als um literarische Inszenierungen einer Medienkonkurrenz, die gerade auf den Unterschied zwischen Text und Bild setzen. Diskutiert werden insbesondere Texte mit Fotos und über Fotos, aber auch Fotos von Texten und Fotografie-Theorie (u.a. von Walter Benjamin, Marcel Beyer, Bertolt Brecht, Rolf Dieter Brinkmann, Hubert Fichte/Leonore Mau, Alexander Kluge, Thomas Mann, W.G. Sebald, Susan Sontag). Wie wird die mediale Differenz zwischen Text und Bild je produktiv gemacht, wie werden Bilder beschriftet bzw. gelesen und wie Texte bebildert? Sagt ein Bild ›mehr als tausend Worte‹? Wie gelingt es der Schrift, der Fotografie ihren Wahrheitsanspruch als Spur einer Realität bzw. Dokument streitig zu machen? Welche Funktionen werden Fotografie und Schrift in der Verwaltung des subjektiven und kollektiven Gedächtnisses zugeschrieben, und wem gehört das Unsichtbare, das Jenseitige und die Zukunft? »Vergleichen Sie selbst!«
Lektüre zur Vorbereitung: Roland Barthes, Die helle Kammer. Bemerkungen zur Photographie (1980), Frankfurt/M.: Suhrkamp 1989; Italo Calvino, Abenteuer eines Photographen (1957), in: ders., Abenteuer eines Reisenden. Erzählungen, München: dtv 1986, S. 108-128.
[schließen]Gender Remixed
Proseminar II (gemeinsam mit Dr. Peter Rehberg), Germanistisches Seminar/Medienwissenschaft, Universität Bonn, SS 2005 (zweifach) [Kommentar]
Innerhalb der Literatur- und Kulturwissenschaften gehören die Gender Studies zu den Theoriefeldern, in denen in der jüngsten Vergangenheit die intensivsten Debatten stattfanden. Seit den 70er Jahren dreht sich die Diskussion um den Zusammenhang von Geschlecht und Identität: Während es in früheren feministischen Positionen häufig als politische Notwendigkeit galt, auf die Identität ›der Frau‹ zu setzen, wurde dieser identitätspolitische Ansatz seit den 80er Jahren zunehmend in Frage gestellt. Mit der Einsicht in den performativen Charakter von Gender-Zuschreibungen hat sich die Kategorie der Geschlechtsidentität verkompliziert. Die Kritik seitens der Queer Studies wiederum machte darauf aufmerksam, dass selbst die Auffassung von Gender als Konstruktion noch auf der binären Unterscheidung von männlich vs. weiblich beruht einer Unterscheidung, die nicht zuletzt von Homosexualität und Transgender durchkreuzt wird.
Im Seminar wird diese Theoriegeschichte an einer repräsentativen Auswahl unterschiedlicher Ansätze rekonstruiert. Dabei wird anhand verschiedener literarischer Texte (etwa von Hubert Fichte, Elfriede Jelinek, Thomas Meinecke, Yoko Tawada) und Filmbeispiele (etwa von Rainer Werner Fassbinder, Madonna) gefragt, wie die unterschiedlichen Ansätze jeweils methodisch produktiv zu machen sind.
[schließen]2004
Illusionsstörung: Brecht, Godard
Proseminar I, Germanistisches Seminar/Medienwissenschaft, Universität Bonn, WS 2004/05 [Kommentar]
»Um die Sinnesart der jungen Leute zu verstehen, betrachte man den Film unserer Zeit. Die Firmen wählen als Darsteller mehr oder weniger häufige Typen, die sich selber spielen, ohne jede Verstellung, Maske, Charakterisierung auftreten und in Situationen kommen, in welche auch das Publikum zu kommen wünscht wenigstens in der Phantasie.« Bertolt Brecht, der diese Diagnose in der 1930er Jahren formulierte, hat die Verfahren der Illusionierung und ihre politischen Implikationen nicht nur präzise analysiert. Er hat sie auch mit einem dezidierten und folgenreichen Gegenentwurf gekontert, und zwar in Theorie und Praxis. Das Seminar setzt sich zunächst mit Brechts Medienästhetik und seinem alternativen Konzept von Realismus auseinander, wobei die Techniken der Illusionsstörung (etwa der Verfremdungs-Effekt im epischen Theater) im Vordergrund stehen. Im zweiten Teil werden einige frühe Texte und Filme von Jean-Luc Godard aus den 1960er Jahren diskutiert wiederum unter der Perspektive, wie der »Illusion« des Publikums, »es wohne einem natürlichen, uneinstudierten Vorgang bei« (Brecht), entgegengearbeitet wird. Im Zentrum steht die Frage nach einer Rhetorik der Illusionsdurchbrechung, die in beiden Fällen an ein politisches Selbstverständnis geknüpft ist und die sich bis in die zeitgenössischen Ausläufer solcher »Lehrstücke« (etwa Lars von Triers Film Dogville) verfolgen lässt.
[schließen]Text und Kontext
Proseminar II, Germanistisches Seminar der Universität Bonn, WS 2004/05 [Kommentar]
Wenn vom »Kontext« eines literarischen Texts oder anderer kultureller Artefakte die Rede ist, so muss dieser Begriff häufig dazu herhalten, die jeweils hergestellen Bezüge zu anderen Texten als relevant zu rechtfertigen. Ob institutionelle Entstehungsbedingungen, soziopolitische Tendenzen, ästhetische Konfigurationen oder psychologische Diagnosen etc. die unterschiedlichsten Umgebungen von Texten können jeweils zu deren Kontext erklärt werden, sofern der/die Interpret/-in gute Argumente für die aktualisierte Verknüpfung aufzuweisen hat (oder auch nur für eine Forschungslücke).
Doch dieser Verwendung des Kontextbegriffs als einer Art Dummy Term steht eine literaturwissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Texten zu ihrer (selbst textuell verfassten) Umwelt gegenüber, die sich notwendig auch als Selbstreflexion auf die eigenen Verfahrensweisen darstellt. Anhand einer Reihe einschlägiger theoretischer Texte soll diese Diskussion im Seminar in Teilen aufgearbeitet werden. Das Spektrum reicht von der Frage nach dem »Horizont« in der philosophischen Hermeneutik (Gadamer) über sozialgeschichtliche Ansätze, Diskursanalyse (Foucault) und Kollektivsymbolik (Link) bis zum New Historicism (Greenblatt) sowie zur Mediengeschichte (Kittler). Am Rande werden als Kontrastfolie, vor deren Hintergrund zusätzliche Trennschärfe gewonnen werden kann auch Ansätze diskutiert, die in unterschiedlicher Vehemenz auf immanente Verfahren der Texterschließung setzen und die Kontextfrage auf den ersten Blick unberücksichtigt lassen (Formalismus; (Post-) Strukturalismus).
Zum Seminarbeginn vorausgesetzt wird die Lektüre der Erzählung Heinrich von Kleists Die Verlobung in St. Domingo (Reclam-Ausgabe). Dieser Text gilt als ein gemeinsamer Bezugspunkt, an dem die theoretischen Ansätze jedoch nicht durchexerziert, sondern jeweils einzelne Aspekte diskutiert werden sollen.
Zur ersten Orientierung empfohlen: Herbert Jaumann, Literatur und Gesellschaft, in: Fischer Lexikon Literatur, hg. von Ulfert Ricklefs, Band 2, Frankfurt/M.: Fischer 1996, S. 1030-1053.
[schließen]»Film in Worten«: Pop-Literatur-Medien
Einführung in die Literaturwissenschaft II, Germanistisches Seminar der Universität Bonn, SS 2004 [Kommentar]
Wenn heute von »Pop-Literatur« die Rede ist, so bezieht sich diese Zuschreibung häufig auf den ›Inhalt‹ der Texte (Popkultur, Massenmedien), auf das vermeintliche soziale Milieu der Autor/-innen (DJ-/Club-Kultur, ›Szene‹) oder auch nur auf deren jugendliches Alter. Im Seminar werden wir den Fokus auf die Ebene der literarischen Verfahren verschieben und die Versuche intermedialer Transfers beobachten: Wie gelangen ›die Anderen‹ der Schrift, die Bilder und der Sound, ins Medium Buch? Oder, um eine programmatische Formulierung von Rolf-Dieter Brinkmann aus dem Jahr 1969 aufzugreifen: Wie schreibt man einen »Film in Worten«?
Dabei weisen schon an Montage, Zapping oder Sampling orientierte Verfahren darauf hin, dass die Rekonstruktion einer ihrerseits traditionskritischen Pop-Tradition seit den 1960er Jahren notwendig auch auf den jeweiligen medienhistorischen Kontext zu beziehen ist. Das gilt auch für die an den Mediendiskurs gekoppelte High/Low-Unterscheidung, deren Durchkreuzung zu den zentralen Einsätzen von frühem Pop gehört. Wenn diese Unterscheidung heute ohnehin durchlässig ist und Pop nicht mehr für die Verheißung von ›Gegenkultur‹ oder ›kulturelle Dissidenz‹ einsteht, stellt sich auch die Frage, ob und wie die Differenzmaschine, die »Pop« von »Populärkultur« unterscheidet, in Gang gehalten wird. Diskutiert werden Texte u.a. von Rolf Dieter Brinkmann, Hubert Fichte, Peter Handke, Elfriede Jelinek, Rainald Goetz, Thomas Meinecke, Max Goldt und Benjamin v. Stuckrad-Barre.
Literatur zur Vorbereitung: Diedrich Diedrichsen, »Pop deskriptiv, normativ, emphatisch«, Rowohlt LiteraturMagazin 37 (1996) [»Pop-Technik-Poesie. Die nächste Generation«], S. 36-44; Jörgen Schäfer, »›Neue Mitteilungen aus der Wirklichkeit‹. Zum Verhältnis von Pop und Literatur seit 1968«, in: Text+Kritik. Zeitschrift für Literatur. Sonderband Pop-Literatur, München 2003, S. 7-25; Eckhard Schumacher, Gerade Eben Jetzt. Schreibweisen der Gegenwart, Frankfurt/M.: Suhrkamp 2003 (Auszüge; im Seminarordner).
[schließen]Parodieren
Proseminar I, Germanistisches Seminar der Universität Bonn, SS 2004 [Kommentar]
Im Griechischen steht die Vorsilbe par/a sowohl für »dagegen« wie für »daneben«; sie markiert ein Verhältnis, das gleichzeitig von Nähe und Distanz, von Ähnlichkeit und Differenz gekennzeichnet ist. Entsprechend klingt in dem Wort Parodie sowohl der Neben- wie Gegengesang an: Parodien beziehen sich in der Regel in der ›parasitären‹ Form des Zitats auf eine Vorlage. Sie sind Kopien eines Originals, die gezielt auf Abweichung setzen, auch wenn das Original als solches erkennbar bleiben muss. Parodien sind ebenso von ihrem ›Wirtstext‹ abhängig, wie sie darauf zurückwirken (etwa wenn sie dessen Originalitätsanspruch stören, indem sie sich darüber lustig machen). Im Seminar sollen die Beziehungen zwischen Original und Kopie bzw. zwischen Wirt und Gast, das die Vorsilbe par/a benennt, genauer untersucht und dabei nicht zuletzt als Machtverhältnis in den Blick genommen werden.
Zum einen ist eine literaturwissenschaftliche Rekonstruktion von Parodie-Konzepten vorgesehen, die auch Analogien und Abgrenzungen zu benachbarten Genres (z.B. dem Pastiche) und Verbindungen zur Ironie berücksichtigt. Zum anderen sollen parodistische Verfahren in einer medienübergreifendenden Perspektive diskutiert werden zum Beispiel Geschlechterparodien, Verfahren der Bildaneignung in Pop Art, Appropriation Art und im Film sowie die afroamerikanische Kulturtechnik des Signifyin'. Gelesen werden Texte u.a. von Bertolt Brecht (Stichwort: V-Effekt), Judith Butler (Gender-Parodie), Gérard Genette (Literatur auf zweiter Stufe) und Henri Louis Gates jr. (Signifyin').
[schließen]2003
Parodieren
Proseminar, Institut für deutsche Sprache und Literatur/Medienwissenschaft, Universität zu Köln, WS 2003/04 [Kommentar]
»›Para‹ is a double antithetical prefix signifying at once proximity and distance, similarity and difference, interiority and exteriority, something inside a domestic economy and at the same time outside it, something simultaneously this side of a boundary line, threshold, or margin, and also beyond it, equivalent in status and also secondary or subsidiary, submissive, as of guest to host, slave to master.« (J. Hillis Miller, The Critic as Host, in: ders., Theory Now and Then, New York 1991, S. 143-170, hier: 144 f.)
Parodien beziehen sich in der Regel in der ›parasitären‹ Form des Zitats auf eine Vorlage. Sie sind Kopien eines Originals, die gezielt auf Abweichung setzen, auch wenn das Original als solches erkennbar bleiben muss. Parodien sind ebenso von ihrem ›Wirtstext‹ abhängig, wie sie darauf zurückwirken (etwa wenn sie dessen Originalitätsanspruch stören, indem sie sich darüber lustig machen). Im Seminar sollen die Beziehungen zwischen Original und Kopie bzw. zwischen Wirt und Gast, das die Vorsilbe par/a benennt, genauer untersucht und dabei nicht zuletzt als Machtverhältnis in den Blick genommen werden.
Zum einen ist eine literaturwissenschaftliche Rekonstruktion von Parodie-Konzepten vorgesehen, die auch Analogien und Abgrenzungen zu benachbarten Genres (z.B. dem Pastiche) und Verbindungen zur Ironie berücksichtigt. Zum anderen sollen parodistische Verfahren in einer medienübergreifendenden Perspektive diskutiert werden zum Beispiel Geschlechterparodien (Drag, Camp, Voguing), die afroamerikanische Kulturtechnik des Signifyin' (Hip Hop) oder Verfahren der Aneignung in der Appropriation Art. Gelesen werden Texte u.a. von Bertolt Brecht (Stichwort: Umfunktionieren), Judith Butler (Geschlechterparodie), Jacques Derrida (»Zitathaftigkeit«), Gerard Genette (Literatur 2. Stufe), Henri Louis Gates jr. (Signifyin'), Alfred Liede (Parodie und Spiel).
[schließen]Ich in der Gegenwartsliteratur
Proseminar (gemeinsam mit Dr. Leander Scholz), Germanistisches Institut, Universität Bonn, SS 2003 [Kommentar]
Die 90er Jahre sind von einem Diskurs der Flexibilisierung geprägt. Unter Stichwörtern wie »postheroisches Ich« oder »flexibler Mensch« bis hin zur »Ich-AG« geht es dabei um die maximale Anpassung traditioneller Subjektvorstellungen an die Geschwindigkeit ökonomischer und gesellschaftlicher Prozesse. Dieser Anpassungsdruck führt nicht zuletzt zu Entpolitisierung und Privatisierung, zu einer Art Ich-Monade, die sich in einem Kokon aus Privatmythologien einschließen muss, um ihre Identität zumindest für sich selbst herstellen zu können, indem sie sich abschließt. Von dieser Beobachtung ausgehend wollen wir nach den Ich-Konstruktionen im zeitgenössischen Roman fragen: Wie werden die klassischen Kategorien »Ich«, »Welt«, »Erfahrung« und »Geschichte« ins Spiel gebracht? Welche Schreibweisen provozieren die unterschiedlichen Filter beim Blick auf die gesellschaftliche Realität? Schließlich stellt sich, gerade im Hinblick auf Politisierungsstrategien der Literatur in den 70er und 80er Jahren, die explizit auf eine bestimmte Form der Öffentlichkeit abzielten, die Frage, ob die literarischen Reaktionen auf Flexibilisierungsdiskurse als Mikropolitik des Alltäglichen gelten können.
Folgende Romane werden diskutiert: Rainald Goetz: Kontrolliert (1988), Thomas Hettche: Ludwig muß sterben (1989), Yoko Tawada: Ein Gast (1993), Katrin Röggla: Abrauschen (1997), Christian Kracht: 1979 (2001), Marcel Beyer: Spione (2001).
Wegen des Lektüreumfangs empfiehlt es sich, die Texte bereits vor Seminarbeginn zu lesen! Eine Liste mit Hinweisen zu Sekundärliteratur wird rechtzeitig ausgehängt.
Das Seminar findet am Germanistischen Seminar der Universität Bonn statt. Kölner Studierende sind herzlich willkommen.
[schließen]2002
Visuelle Idiome in der Popkultur II (80er Jahre bis heute)
Proseminar, Institut für deutsche Sprache und Literatur der Universität zu Köln, WS 2002/03 [Kommentar]
Vgl. den Kommentar zu Teil I der Veranstaltung im SS 2002.
Die Diskussion, die im Seminar über visuelle Idiome in der Popkultur der 60er und 70er Jahre begonnen wurde, wird anhand von Arbeiten, die seit den 80er Jahren entstanden sind, fortgesetzt. Ausgehend von der Verabschiedung von Hippie-Subkulturen durch Punk soll zum einen rekonstruiert werden, wie visuelle Idiome der Popkultur in den so genannten Mainstream integriert werden ein Prozess, dessen Folgen in den 90er Jahren unübersehbar werden. Zum anderen ist zu fragen, mittels welcher textueller und visueller Verfahren dieser Prozess wiederum kommentiert bzw. unterlaufen wird und neue (sub-)kulturelle Abspaltungen stattfinden.
Wie bereits das Seminar im letzten Semester, setzt auch diese Veranstaltung an den Schnittstellen von Literatur, Graphik und Bildender Kunst an, allerdings aus der Perspektive der Literatur (-wissenschaft). Es geht um Texte, Bilder und Text/Bild-Arbeiten von Rainald Goetz, Max Goldt, Albert Oehlen, Martin Kippenberger, Jürgen Ploog, Felix Reidenbach, Dieter Roth u.a.
Lektüre zur Vorbereitung: Greil Marcus, Lipstick Traces. Von Dada bis Punk. Eine geheime Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts, Hamburg: Rogner & Bernhard 1992 [Auszüge im Seminarordner].
[schließen]Visuelle Idiome in der Popkultur I (1960er bis 1980er Jahre)
Proseminar, Institut für deutsche Sprache und Literatur der Universität zu Köln, SS 2002 [Kommentar]
»Pop« das stand zumindest in den späten 50er und in den 60er Jahren für die programmatische Überschreitung der Grenzen zwischen etablierter und niedriger Kunst, zwischen gutem und schlechtem Geschmack und nicht zuletzt zwischen ›Europa‹ und ›Amerika‹. Mit auf dem Spiel standen die Grenzen zwischen Kunstgattungen und Medien: Neue Mischformen entstehen, die der Medienwissenschaftler Marshall McLuhan schon damals lange vor dem Boom ihrer digitalen Nachfolger als »hybrids« bezeichnete (in der deutschen Übersetzung: »Bastarde«). Das Seminar widmet sich einer Subspezies dieser »Bastarde«, indem es Text-Bild-Experimente in den Blick nimmt.
Denn die skizzierten Grenzüberschreitungen hinterlassen ihre Spuren auch im Medium Buch. So entstehen ›Pop-Texte‹, die nicht nur durch ihre Themen, sondern auch durch ihre typographische Gestaltung und die Verwendung von Bildern auf ihre visuelle Seite aufmerksam machen. Dabei kommen in den ›literarischen‹ Texten vorzugsweise vorgefundene Bilder zum Einsatz, die wegen ihrer deutlichen Herkunft aus den Massenmedien auch als ›Popularitätssignale‹ fungieren.
Ausgehend von Beispielen der frühen PopArt wird nach der Ausdifferenzierung des »visuellen Idioms« (Dick Hebdige) von Pop gefragt: Welche visuellen Eigentümlichkeiten lassen sich unterhalb des gemeinsamen Nenners Pop bzw. Underground in unterschiedlichen Szenen beobachten? Welche Rolle spielen dabei v.a. in der PopArt etablierte Verfahren und Konzepte wie Kopie, Serialisierung, Ikonisierung der Schrift, Bildzitate? Und in welchem Zusammenhang stehen die Text-Bild-Experimente zu den formulierten ›Weltanschauungen‹, Kulturdiagnosen und Theorien? Wenn nach McLuhans berüchtigtem Slogan das Medium die Botschaft ist, welche Botschaften überkreuzen sich dann in diesen »Bastarden«?
Im Seminar werden eine Reihe exemplarischer Arbeiten (z.B. von Rolf Dieter Brinkmann, Rainald Goetz, McLuhan/Quentin Fiore, Ed Ruscha, Andy Warhol) also nicht nur gelesen, sondern auch genauer angeguckt. Der genaue Seminarplan wird in der ersten Sitzung besprochen Vorschläge der Teilnehmer/-innen sind sehr erwünscht. Im nächsten Semester soll das Seminar mit Arbeiten aus den 90er Jahren bis zur Gegenwart fortgesetzt werden.
Lektüre zur Vorbereitung: Dick Hebdige, »In Poor Taste: Notes on Pop«, in: ders., Hiding in the Light. On Images and Things, London, New York: Routledge 1988.
[schließen]2000
Ansteckend! Zur Topik des Viralen in der Gegenwartskultur
Proseminar, Institut für deutsche Sprache und Literatur der Universität zu Köln, WS 2000/01 [Kommentar]
Das Aufkommen von AIDS Anfang der 80er Jahre begünstigte die Verbreitung einer »Logik des Epidemischen« (Linda Singer), die sich über die Tatsache einer biologischen Ansteckung hinaus ins kollektive Imaginäre erstreckt. Als Fremdkörper par excellence liefert die Figur des Virus das Vorstellungsmuster und die Metaphorik für eine Reihe von Grenzverhandlungen, in denen die Unterscheidung zwischen ›Eigenem‹ und ›Fremdem‹ auf dem Spiel steht. Das unbemerkte Einnisten in den Wirtsorganismus, der zugunsten der eigenen Vervielfältigung umcodiert wird, die Umkehrung asymmetrischer Machtverhältnisse durch strategische Raffinesse, die Verhinderung von Identifizierung durch Mutation diese Eigenschaften des Virus werden sowohl bemüht, um phobische Konstruktionen und grenzsichernde Maßnahmen zu autorisieren, wie sie andererseits die Programmatiken von Denkern und Praktikern der ›Subversion‹ beliefern.
Die Figur des Virus bzw. des Parasiten avancierte zu einem Kollektivsymbol, das derzeit in verschiedensten Diskursen zirkuliert sei es in dem der Informationstechnologie (als Computervirus), in so genannten postmodernen Theorien (etwa von Baudrillard oder Derrida) oder in der Popkultur. Hier lassen sich unterschiedliche Strategien beobachten, an der Topik zu parasitieren, die sich um die schillernden Figur des Virus als perfektem ›Anderen‹ organisiert, etwa in der Science Fiction-Mythologie, im sowohl literarisch wie filmisch ausgeprägten Genre des Viren-thrillers und in Aneignungen der Topoi ›Black Alien‹ und ›ansteckendes Afrika‹ im Hip Hop.
Im Seminar wird diese Wucherung der Topik des Viralen, die interdiskursive Zirkulation des Virus in Medizin/Immunologie, Informationstechnologie und verschiedenen kulturellen Praktiken, an einigen exemplarischen Texten und Filmen rekonstruiert.
Lektüre zur Vorbereitung: B. Weingart, Parasitäre Praktiken. Zur Topik des Viralen, in: Claudia Benthien/Irmela M. Krüger-Fürhoff (Hg.), Über Grenzen. Limitation und Transgression in Literatur und Ästhetik, Stuttgart, Weimar: Metzler 1999, S. 207-230.
[schließen]Pop-Literatur
Proseminar, Institut für deutsche Sprache und Literatur der Universität zu Köln, SS 2000 [Kommentar]
Das Label »Pop-Literatur« hat derzeit Konjunktur. Die Kriterien für seine Vergabe beziehen sich häufig auf den ›Inhalt‹ der Texte (Popkultur, Massenmedien) und/oder auf das vermeintliche soziale Milieu der Autor/-innen (DJ-/Club-Kultur, ›Szene‹). Im Seminar soll hingegen versucht werden, den Fokus auf die Ebene der literarischen Verfahren zu verschieben und die Versuche intermedialer Transfers zu beobachten: Wie gelangen ›die Anderen‹ der Schrift, die Bilder und der Sound, ins Medium Buch?
Dabei weisen schon an Montage, Zapping oder Sampling orientierte Verfahren darauf hin, dass die Rekonstruktion der traditionskritischen Pop-Tradition seit den 60er Jahren notwendig auf den jeweiligen medienhistorischen Kontext zu beziehen ist. Das gilt auch für die an den Mediendiskurs gekoppelte High/Low-Unterscheidung, deren Durchkreuzung zu den zentralen Einsätzen von Pop gehört.
Wenn diese Unterscheidung heute ohnehin durchlässig ist und Pop nicht mehr für die Verheißung von ›Gegenkultur‹ oder ›kulturelle Dissidenz‹ einsteht, stellt sich auch die Frage, ob und wie die Differenzmaschine, die »Pop« von »Populärkultur« unterscheidet, in Gang gehalten wird. Diskutiert werden Texte u.a. von Rolf Dieter Brinkmann, Hubert Fichte, Peter Handke, Elfriede Jelinek, Rainald Goetz, Thomas Meinecke, Max Goldt, Christian Kracht, Alexa Henning von Lange, Benjamin Stuckrath-Barre eine für Vorschläge der Seminarteilnehmer/-innen offene Liste.
Literatur zur Vorbereitung: Diedrich Diedrichsen, »Pop deskriptiv, normativ, emphatisch«, Rowohlt LiteraturMagazin 37 (1996) [»Pop-Technik-Poesie. Die nächste Generation«], S. 36-44; ders., Der lange Weg nach Mitte. Der Sound und die Stadt, Köln: Kiepenheuer & Witsch 1999, bes. Kap. 5 »Die 90er, und dahinter die Unendlichkeit«; Tom Holert/Mark Terkessidis (Hg.), Mainstream der Minderheiten. Pop in der Kontrollgesellschaft, Berlin: Edition ID-Archiv 1996, bes. die Einleitung; Jost Hermand, »Pop-Literatur«, in: ders. (Hg.), Literatur nach 1945 I [=Neues Handbuch der Literaturwissenschaft Bd. 22], Wiesbaden: Akademische Verlagsgesellschaft Athenaion 1979, S. 279-310.
[schließen]1993
Sprachkurs German 202
German Department der Washington University in St. Louis, 1993/94