SERI PUISI JERMAN – GESPRÄCH MIT DEM HERAUSGEBER UND ÜBERSETZER BERTHOLD DAMSHÄUSER

  

Unter dem Titel „Satu dan Segalanya“ (Eins und Alles) erschien im März 2007 erstmals eine Sammlung von Gedichten Johann Wolfgang von Goethes in indonesischer Übersetzung. Bei diesem Buch handelt es sich um den vierten Band der Seri Puisi Jerman, der  von dem  Bonner Malaiologen Berthold Damshäuser und dem indonesischen Schriftsteller Agus R. Sarjono herausgegeben Reihe mit indonesischen Übertragungen von Gedichten deutschsprachiger Lyriker. In den zuvor erschienenen Bänden wurde Lyrik von Rainer Maria Rilke, Bertolt Brecht und Paul Celan vorgestellt. Aus Anlass des Erscheinens des Goethe-Bandes organisierte das Goethe-Institut Jakarta eine Lesereise der beiden Übersetzer, Agus R. Sarjono und Berthold Damshäuser, in deren Rahmen Goethes Lyrik in verschiedenen indonesischen Städten vorgestellt wurde.
Katrin Figge (Goethe-Institut Jakarta) hat mit Berthold Damshäuser über die Seri Puisi Jerman im Allgemeinen, und über den Goethe-Band und dessen Wirkung in Indonesien im Besonderen folgendes Gespräch geführt:

 

Herr Damshäuser, wie entstand die Idee zu der „Seri Puisi Jerman“?

 Vorweg vielleicht etwas Grundsätzliches:  Im Rahmen der kulturellen Beziehungen zwischen Völkern oder auch Sprachgemeinschaften hat die wechselseitige Verbreitung literarischer Werke durch Übersetzungen seit jeher und zu Recht größte Bedeutung.  Es wäre undenkbar, von intensiven kulturellen Beziehung zwischen – beispielsweise – Deutschland und Frankreich zu sprechen, wenn die Werke von Goethe, Brecht oder Rilke nicht auf Französisch, und die Werke von Molière, Hugo oder Baudelaire nicht auf  Deutsch vorlägen. Die Anzahl der Übersetzungen in die jeweils andere Sprache ist ein Gradmesser für die Intensität der geistigen Beziehungen zwischen Völkern. Im Bezug auf die deutsch-indonesischen Beziehungen ist in dieser Hinsicht bislang noch sehr wenig geleistet worden. Die indonesische Literatur ist in Deutschland noch nahezu unbekannt, und die deutschsprachige Literatur ist in Indonesien nicht ausreichend präsent. Bislang gibt es – ohne Berücksichtigung der Jugend- und Trivialliteratur – weniger als 25 Bücher mit Übersetzungen deutschsprachiger Literatur ins Indonesische.
       Als Malaiologe und literarischer Übersetzer fühle ich mich seit langem aufgerufen, diesen mißlichen Zustand zumindest ansatzweise zu verbessern. Dabei habe ich mich insbesondere  der Übersetzung lyrischer Werke gewidmet, aus Neigung, aber auch, weil die Lyrik ein „Stiefkind“ der literarischen Übersetzung aus dem Deutschen ins Indonesische und umgekehrt gewesen ist. Deutschsprachige Lyrik in indonesicher Übersetzung lag bis zum Erscheinen der Anthologie „Malam Biru di Berlin“, die ich 1990 gemeinsam mit dem indonesischen Schriftsteller Ramadhan K.H. herausgegeben und übersetzt habe,  nur in einem einzigen Buch vor, nämlich in der 1952 von M. Taslim Ali herausgebenen Anthologie „Puisi Dunia“.
        Die Idee zu einer „Seri Puisi Jerman“, also einer Reihe, in deren Bänden Gedichte jeweils eines deutschsprachigen Lyrikers in indonesischer Übersetzung vorgestellt werden sollten, hatte ich, wenn ich mich recht erinnere, Mitte der neunziger Jahre. Lange Zeit warb ich vergeblich um Unterstützung bzw. um die erforderlich Förderung. Indonesische Verlage sind leider nicht sonderlich an solchen Buchprojekten interessiert und erwarten in der Regel einen Druckkostenzuschuss. Erst nach der von Bundeskanzler Helmut Kohl und Präsident Soeharto initiierten Gründung der „Deutsch-Indonesischen Kommission für Sprache und Literatur“, deren Hauptziel die wechselseitige Verbreitung deutscher und indonesischer Literatur ist, stiegen die Aussichten auf (staatliche) Förderung. Das Auswärtige Amt bzw. die Deutsche Botschaft Jakarta finanzierte schließlich die Publikation der ersten drei Bände der Seri Puisi Jerman, also die Bände mit Gedichten von Rilke (2003), Brecht (2004) und Celan (2005). Eine weitere wesentliche Voraussetzung für die „Seri Puisi Jerman“ bestand darin, einen kompetenten indonesischen Partner zu finden, der bereit war, deutsche Lyrik gemeinsam mit mir ins Indonesische zu übersetzen bzw. nachzudichten. Einen solchen Partner fand ich in dem indonesischen Lyriker Agus R. Sarjono, der zudem auch Mitherausgeber der „Seri Puisi Jerman“ wurde. In Zusammenarbeit mit Sarjono entstanden die Übertragungen der Gedichte von Brecht, Celan und Goethe für die Bände II, III und IV, nachdem der erste Band der „Seri“ Rilke-Übersetzungen von Krista Saloh-Förster enthalten hatte. Die Beteiligung eines indonesischen Lyrikers erwies sich im Hinblick auf die Qualität der Übersetzung bzw. Nachdichtung als sehr bedeutsam. Auf jeden Fall wäre es mir alleine, als Nicht-Muttersprachler des Indonesischen, nicht gelungen, Celan oder Goethe in ein wirklich poetisches Indonesisch zu übertragen.  Dies gelang erst durch die Zusammenarbeit mit Agus R. Sarjono.

 

Nach welchen Kriterien wählen Sie die zu übersetzenden Lyriker aus?

 Wir haben praktisch die „freie Auswahl“. Es sind ja überhaupt erst sehr wenige deutschsprachige Gedichte ins Indonesische übertragen und veröffentlicht worden. Vermutlich weniger als vierhundert. Und vor der Veröffentlichung des ersten Bandes der „Seri Puisi Jerman“ mit Lyrik von Rilke war in Indonesien kein einziges Buch mit Gedichten eines einzelnen deutschsprachigen Lyrikers erschienen, es gab nur ein paar Anthologien. Mindestens Dutzende deutschsprachiger Lyriker sind es wert, in Indonesien durch Übertragungen ihrer Werke bekannt gemacht zu werden. Und selbst wenn die „Seri Puisi Jerman“ in den nächsten zwanzig Jahren weitere zwanzig Lyriker präsentieren könnte, so wäre das weniger als ein Tropfen auf den heißen Stein. Das Hauptkriterium für die Auswahl ist natürlich die Qualität der zu übersetzenden Lyrik bzw. die Bedeutung der jeweiligen Lyriker. Die Herausgeber wollen Lyriker vorstellen, die mit ihren Werken einen Beitrag zur Weltliteratur geleistet haben. Gegenstand der „Seri Puisi Jerman“ sind deshalb die „ganz großen Namen“ der deutschsprachigen Lyrik, und dass uns da der Stoff nicht ausgehen wird, versteht sich von selbst. Aber konkret zu den bisher erschienenen vier Bänden: Als mir Krista Saloh-Förster ihre Rilke-Übersetzungen für den ersten Band anbot, war ich sofort einverstanden. Mir schien dies ein guter Start für die „Seri“ zu sein. Rilke ist in Indonesien unter Schriftstellern ein Begriff, Chairil Anwar z.B. hat sich mit Rilke auseindergesetzt und in den vierzigern Jahren sogar einige Rilke-Gedichte ins Indonesische übertragen. Aber natürlich hätte ich auch Hölderlin, Goethe, Heine, Benn, Trakl etc. etc. akzeptiert. Nichts hätte dagegen gesprochen, mit einem anderen großen Dichter zu beginnen. Und so sprach auch nichts gegen Brecht als Lyriker des zweiten Bandes. Zumal Agus R. Sarjono mit meinem dahingehenden Vorschlag sofort einverstanden war. Brecht ist neben Rilke vielleicht der bedeutendste deutschsprachige Lyriker des 20. Jahrhunderts, zudem sind die sozialkritischen Themen seiner Gedichte sicherlich relevant für eine Gesellschaft wie die indonesische. Auch Brecht ist natürlich ein bekannter Name in Indonesien, doch auch indonesische Schrifsteller kannten zumeist nur seine dramatischen Werke. Was Paul Celan angeht, der in Indonesien noch kaum bekannt war, so stand die Wahl dieses Lyrikers für den dritten Band der „Seri“ auch im Zusammenhang mit meiner persönlichen Vorliebe für diesen wohl bedeutendsten deutschsprachigen Lyriker der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Mir schien aber auch die Thematik eines Großteils der Celanschen Lyrik relevant zu sein, also das Thema Holocaust, insbesondere, seitdem es in der islamischen Welt, und leider auch in Indonesien, nicht selten zu verzerrten Darstellungen, ja sogar zur Leugnung des Genozids am jüdischen Volk gekommen ist. Mich hat es in diesem Zusammenhang übrigens sehr gefreut, dass der Bandunger Maler Herry Dim sich durch unsere Übertragungen der Celanschen Holocaust-Lyrik ins Indonesische zu einem Zyklus von Zeichnungen zu diesen Gedichten hat inspirieren lassen. Seine VideoArt auf der Grundlage dieser Zeichungen sind dann Bestandteil der dem Celan-Band beigefügten Video-CD geworden, zusammen mit den von Peter Habermehl musikalisch begleiten Rezitation dieser Gedichte.

Dass im vierten Band schließlich – und endlich! – Gedichte von Goethe vorgestellt wurden, bedarf sich sicherlich keines erklärenden Kommentars. Auf  – immerhin seltene – Fragen nach dem Grund dieser Wahl „rechtfertige“ ich mich manchmal scherzend damit, dass dank dieses Buches immer mehr Indonesier erfahren, das Goethe keinesfalls nur der Name des deutschen Kulturinstituts ist ....

 

Wie verläuft die übersetzerische Zusammenarbeit mit Agus R. Sarjono?

 Ich habe ja schon erwähnt, dass die Beteiligung eines indonesischen Lyrikers entscheidend dafür ist, das die Übertragungen ins Indonesische poetische Qualität haben. Gemeinsam mit Sarjono bemühe ich mich darum, dass im Indonesischen sozusagen „neue Gedichte“ entstehen. Es geht also um Nachdichtungen des jeweiligen deutschen Textes.

Die Zusammenarbeit sieht wie folgt aus: Zuerst erstelle ich Zeile für Zeile eine relativ textnahe Übersetzung ins Indonesische, oft mit Alternativen, was einzelne Begriffe oder Phrasen angeht. Dabei kommt es häufig zu Nachfragen von Agus, der ja nur über Grundkenntnisse des Deutschen verfügt.  Wir bemühen uns, den Text semantisch „auszuloten“. Nach Abschluss der textnahen Übersetzungen beginnt dann die Hauptarbeit von Sarjono, der diese Rohübersetzung gewissermaßen poetisiert, wenn möglich unter Beibehaltung der formalen Strukturen des deutschen Ausgangstextes, z.B. Metrum, Reim etc.

Die Anfertigung der finalen, also poetischen Fassung geht einher mit intensiven Diskussionen, ja sogar Auseinandersetzungen, wobei Sarjono natürlich in erster Linie an die Qualität des neu entstehenden indonesischen Gedichtes denkt und mitunter auch bereit ist, „semantische Opfer“ einzugehen, während ich selbst die Rolle des strengen Philologen einnehme, der sich in erster Linie dem Ausgangstext verpflichtet fühlt. Letzendlich muss immer wieder ein Kompromiss gefunden werden, der beide Seiten zufrieden stellt. Die Übertragung schon eines Vierzeilers kann Stunden erfordern, wobei sie auch dann noch nicht abgeschlossen ist, da es, und zwar im zeitlichen Abstand, stets eine zweite und dritte Bearbeitungsphase gibt. Nicht selten kommen wir auch zu der Überzeugung, dass unsere Übertragung poetisch nicht überzeugt und nehmen das Gedicht bzw. die Übersetzung dann nicht in das Buch auf. In der „Seri Puisi Jerman“ sind also lediglich die Gedichte erschienen, von denen wir meinen, dass ihre Nachdichtung einigermaßen gelungen ist.

 

Können Sie kurz Ihre Erfahrungen, die Sie während Ihrer Lesereisen durch Indonesien gesammelt haben, schildern?

Die Lesereisen, die ich gemeinsam mit Sarjono in zahlreiche indonesische Städte unternommen habe, sind sehr bedeutsam, um die „Seri Puisi Jerman“ und somit auch die deutsche Literatur, insbesondere die Lyrik, in Indonesien bekannt zu machen. Ich bin dem Goethe-Institut Jakarta und insbesondere Marla Stukenberg, der früheren Leiterin der Programmabteilung sehr dankbar, dass diese Lesereisen finanziert und – gemeinsam mit indonesischen Veranstaltern – organisiert wurden. Die Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut Jakarta in Sachen „Seri Puisi Jerman“ begann ja bereits mit dem ersten Band der „Seri“, dessen „Launching“ im GoetheHaus Jakarta und im Goethe-Institut Bandung stattfand. Der Erfolg dieses Launchings brachte Marla Stukenberg auf die Idee, bilinguale Lesungen mit Gedichten aus der „Seri Puisi Jerman“ auch an anderen Orten zu veranstalten, und zwar unter Einbeziehung indonesischer Schriftsteller (z.B. Soni Farid Maulana, Zaini K.M., Jamal D. Rahman, Joni Ariadinata, Acep Zamzam Noor, Zawawi Imron, Danarto) als Rezitatoren oder auch als Moderatoren der Diskussionen, die den Lesungen folgten. Besonders erfolgreich, ja geradezu spektakulär, verliefen die Goethe-Lesungen im März 2007. Damals besuchten Sarjono und ich verschiedene Pesantren, also islamische Bildungstätten. Im Pesantren Al Amien Prenduan  in Sumenep auf Madura wurde uns ein großartiger Empfang bereitet. Der Kiayi, das geistige Oberhaupt des Pesantren, nahm persönlich als Rezitator an der Lesung teil, die in einer Art „Audimax“ des Pesantren-Kampus stattfand. Dort hatten sich vier bis fünftausend Santris – Schülerinnen und Schüler, Studentinnen und Studenten – eingefunden, um Goethe-Gedichte auf Deutsch und Indonesisch zu hören. Die Musikgruppe des Pesantren hatte mehrere Gedichte aus dem Goethe-Band vertont, darunter das Liebesgedicht „Woher sind wir geboren“. Als eingängigen Pop-Song, dessen Refrain „dari cinta“  („aus Lieb’“) von Tausenden Santris mitgesungen wurde. Mir wird diese Goethe-Lesung unvergessen bleiben, auch deshalb weil der Kiayi just das Goethe-Gedicht aus dem West-Östlichen Diwan rezitierte, welches wie folgt endet: „Daß aber der Wein von Ewigkeit sei, / Daran zweifl' ich nicht; / Oder daß er vor den Engeln geschaffen sei, / Ist vielleicht auch kein Gedicht. / Der Trinkende, wie es auch immer sei, / Blickt Gott frischer ins Angesicht.“ Ich kommentierte das Gedicht mit dem Hinweis darauf, dass ich persönlich die darin enthaltene indirekte Aufforderung gerne und häufig  befolge, was den Kiayi dazu bewog, den Santris lächelnd mitzuteilen, das man meinem Beispiel aber dennoch besser nicht folgen möge .... 
        Nicht weniger eindrucksvoll war die Goethe-Lesung im Pesantren Cipayung im westjavanischen Tasikmalaya, dessen kulturelle Aktivitäten von dem Schriftsteller Acep Zamzam Noer geleitet werden. Auch dort hatte man sich auf die Veranstaltungen intensiv vorbereitet. Die Theatergruppe des Pesantren präsentierte eine dramatisierte bzw. szenische  Fassung des „Erlkönigs“, und als Rezitatoren hatten sich etliche Schriftsteller aus Tasikmalaya eingefunden. Weitere Goethe-Lesungen fanden, zuletzt im Frühjahr 2008, an islamischen Universitäten statt, unter anderem im Dialoge Center der Universitas Islam Negeri in Yogyakarta.  Dort stand die Diskussion über Goethes Rolle als Brückenbauer zwischen dem Islam und dem Westen im Mittelpunkt, die Veranstaltung hatte eher akademischen Charakter.

All  diese Veranstaltungen haben - nicht zuletzt durch die Berichterstattung in den Medien - zu einem gesteigertem Interesse an Johann Wolfgang von Goethe geführt, und Sarjono und mir liegen eine Reihe von Anfragen indonesischer Institutionen vor, die daran interessiert sind, ebenfalls Goethe-Lesungen mit anschließenden Diskussionen durchzuführen.

 
Warum sind Ihrer Meinung nach Gedichte von Goethe für indonesische Leser interessant?

 Überall, und natürlich auch in Indonesien, gibt es Menschen, die sich für Literatur und speziell für Lyrik begeistern. Solche Menschen begrüßen es, wenn Werke eines großen Dichters in Form von Übersetzungen in die eigene Sprache vorliegen. Und so werden sich sicherlich auch viele Indonesier schon aus rein literarischen Gründen für die Gedichte des größten deutschen Dichters „interessieren“. Vermutlich wird sich in Indonesien zudem ein besonderes Interesse an Goethe entwickeln, nachdem dort bekannt geworden ist, wie sehr sich Goethe dem Islam verbunden fühlte. Und um dies zu errichen, haben wir ja in unserem Goethe-Band einen besonderen Schwerpunkt auf islamisch inspirierte Goethe-Gedichte gelegt, indem wir ein Kapitel speziell mit  Gedichten aus dem „West-Östlichen Diwan“ anlegten.

 

Welche Rolle spielt Goethe bzw. Goethes Werk im Dialog mit dem Islam? Inwiefern können wir noch heute davon profitieren?

Seit der Publikation von Katarina Mommssens umfassender Studie „Goethe und der Islam“ im Jahre 1988 weiß auch der letzte Germanist, dass Goethe sich dem Islam in intensivster Weise zugewandt hat. Goethe nimmt als Brückenbauer zwischen Okzident und Orient eine einzigartige Stellung unter den europäischen Geistesgrößen ein. Dies ist ein Glücksfall, auch für die deutsche auswärtige Kulturpolitik in den islamisch geprägten Ländern einschließlich Indonesien. Unser größter Dichter, das Symbol deutscher Kultur, der unserem Auslandskulturinstitut den Namen gab, ist der Wegbereiter  des Dialogs zwischen dem Westen und dem Islam. Goethe hat uns Deutschen, uns Abendländern, aber auch den Orientalen vorgemacht, wie mit dem „Anderen“, wie mit anderen Religionen und Kulturen umzugehen ist. Nämlich offen und mit der unbedingten Bereitschaft sich bereichern zu lassen. Für Goethe war die Trennung zwischen Orient und Okzident längst überwunden bzw. hat es eine solche nie gegeben. Dies drückt er in den berühmten Zeilen  (Wer sich selbst und andre kennt, / Wird auch hier erkennen: / Orient und Okzident / Sind nicht mehr zu trennen.) deutlich aus, und unter dieses Motto haben wir deshalb auch die Goethe-Lesungen in Indonesien gestellt.
        Wenn ich bei den Lesungen bzw. den darauf folgenden Diskussionen darauf hinweise, dass Goethe dem Islam näher stand als dem Christentum – was tatsächlich keine falsche Behauptung ist – und sogar von sich gesagt hat, er sei „Muselmane“, so reagiert das Publikum zumeist erstaunt, aber auch mit großer Begeisterung. Und wenn dann auch noch eindeutig belegt werden kann, dass Goethe den Koran und die sufistische Poesie intensiv studiert und in seinem Werk verarbeitet hat, ist auch das akademische Publikum ziemlich beeindruckt.  Solche Reaktionen des indonesischen Publikums sind keine schlechte Grundlage, um sodann darauf hinzuweisen, dass Goethe ein Gegner jeglichen religiösen Fundamentalismus war, und dass seine religiöse Toleranz beispielsweise keinesfalls auf die abrahamitischen Religionen begrenzt war. Dass für Goethe vielmehr der ganze „Erdenkreis“, also somit auch die „Ungläubigen“, die Heiden und Polytheisten in Gottes Frieden leben dürfen, und dass Goethe deshalb wie folgt dichtete: „
Gottes ist der Orient! / Gottes ist der Occident! / Nord- und südliches Gelände / Ruht im Frieden seiner Hände.“ Und ich kann in diesen Diskussionen dann auch sagen, dass Goethe uns Pluralismus gelehrt hat. Und dass ich selbst fasziniert bin vom freigeistigen Denken und Handeln Goethes, der es in einer christlich geprägten Zeit und Umgebung gewagt hat, sich für das Andere, Fremde zu begeisteren und dieser Begeisterung Ausdruck zu verleihen. Und auch, dass ich durchaus Stolz empfinde, dass Goethe, obwohl er den seinerzeit in Deutschland herrschenden Glaubensauffassungen widersprach (Goethe galt ja zu seiner Zeit vielen als „Heide“), dennoch zum deutschen Nationaldichter wurde, was ja nun doch auch für Toleranz und Aufgeschlossenheit der Deutschen spricht.

 

Was ist für Band V der „Seri Puisi Jerman“ geplant?

 Band V der „Seri Puisi Jerman“ wird Gedichte von Hans Magnus Enzensberger enthalten. Wir werden also erstmals einen zeitgenössischen deutschsprachigen Lyriker vorstellen, und mit Enzensberger haben wir sicherlich einen der Bedeutendsten ausgewählt. Sarjono und ich haben die übersetzerische Arbeit bereits im letzten Jahr abgeschlossen, und eigentlich könnte der Enzensberger-Band demnächst erscheinen. Leider gibt es Probleme bei der Finanzierung, insbesondere im Zusammenhang mit dem erforderlichen Druckkostenzuschuss für den indonesischen Verlag. Bislang ist es uns nicht gelungen, dafür einen Sponsor zu finden. Vor Problemen der Finanzierung der einzelnen Bände stehen wir, seitdem das Auswärtige Amt die „Seri Puisi Jerman“ nicht mehr fördert bzw. aus formalen Gründen nicht mehr fördern darf. Der formale Grund besteht – soweit ich das richtig verstanden haben - darin, dass gesetzliche Regelungen es unmöglich machen, ein und dasselbe Projekt kontinuierlich zu fördern. Leider hat auch der Hinweis darauf, dass es sich bei den einzelnen Bänden eigentlich um jeweils neue Projekte handelt, nichts bewirkt, als „Projekt“ gilt offensichtlich die „Seri“ als Ganzes. Der Wegfall der Förderung durch das Auswärtige Amt, die sich auf die ersten drei Bände der „Seri Puisi Jerman“ erstreckte, ist sehr bedauerlich und führt dazu, dass die langfristige Fortsetzung der Reihe nicht gesichert ist. Das Auswärtige Amt hatte ja nicht nur die Publikation der einzelnen Bände gefördert, sondern auch die „Übersetzeraufenthalte“ bzw. „Übersetzerreisen“ mitfinanziert, die notwendig sind, damit Sarjono und ich für das gemeinsame und zeitintensive Übersetzen zusammen kommen können.  Beim Goethe-Band war es uns noch gelungen, einen Sponsor zu finden, der bereit war, den Druckkostenzuschuss zu finanzieren, und zwar die Swiss German University Westphalia Stiftung e.V.. Zudem konnte das Honorar des indonesischen Mitübersetzers im Rahmen der Übersetzungsförderung des Goethe-Instituts finanziert werden. Im Hinblick auf den Enzensberger-Band hoffe ich natürlich sehr, dass sich letztendlich erneut ein Sponsor zur Verfügung stellt. Zumal ja geplant ist, Enzensberger zur Präsentation des ihm gewidmeten fünften Bandes der „Seri Puisi Jerman“ nach Indonesien einzuladen.
        Der Dichter des sechsten Bandes steht übrigens auch schon fest: Friedrich Nietzsche. Aber wie gesagt: Die Fortsetzung der „Seri Puisi Jerman“ hängt davon ab, ob es mit Hilfe von Sponsoren gelingt, die paar tausend Euro zusammenzubekommen, die für die Realisierung eines Bandes der „Seri Puisi Jerman“ nun einmal Voraussetzung sind.

Nachtrag (16.2.2009):

Die Finanzierung der Publikation des Enzensberger-Bandes der "Seri Puisi Jerman" ist mittlerweile gesichert (gemeinsame Förderung durch die Deutsche Botschaft Jakarta und das Goethe-Institut Jakarta). Der Band ist im September 2009 erschienen. Siehe auch:

http://www.goethe.de/ins/id/jak/acv/lit/2009/de4634810v.htm

 

Nachtrag (25.8.2010)

Im Rahmen einer Förderung durch das Goethe-Institut Jakarta wird auch der sechste Band der "Seri Puisi Jerman" (Lyrik von Friedrich Nietzsche) im September 2010 in Indonesien erscheinen. Siehe auch:

http://www.goethe.de/ins/id/jak/de6420971v.htm