SERI PUISI JERMAN –
GESPRÄCH MIT DEM HERAUSGEBER UND ÜBERSETZER BERTHOLD DAMSHÄUSER
Unter dem Titel „Satu dan Segalanya“ (Eins und Alles)
erschien im März 2007 erstmals eine Sammlung von Gedichten Johann Wolfgang von
Goethes in indonesischer Übersetzung. Bei diesem Buch handelt es sich um den
vierten Band der Seri Puisi Jerman, der
von dem Bonner Malaiologen
Berthold Damshäuser und dem indonesischen Schriftsteller Agus R. Sarjono
herausgegeben Reihe mit indonesischen Übertragungen von Gedichten deutschsprachiger
Lyriker. In den zuvor erschienenen Bänden wurde Lyrik von Rainer Maria Rilke,
Bertolt Brecht und Paul Celan vorgestellt. Aus Anlass des Erscheinens des
Goethe-Bandes organisierte das Goethe-Institut Jakarta eine Lesereise der
beiden Übersetzer, Agus R. Sarjono und Berthold Damshäuser, in deren Rahmen
Goethes Lyrik in verschiedenen indonesischen Städten vorgestellt wurde.
Katrin Figge (Goethe-Institut Jakarta) hat mit Berthold Damshäuser über die Seri Puisi Jerman im
Allgemeinen, und über den Goethe-Band und dessen Wirkung in Indonesien im
Besonderen folgendes Gespräch geführt:
Herr Damshäuser,
wie entstand die Idee zu der „Seri Puisi Jerman“?
Vorweg vielleicht
etwas Grundsätzliches: Im Rahmen der
kulturellen Beziehungen zwischen Völkern oder auch Sprachgemeinschaften hat die
wechselseitige Verbreitung literarischer Werke durch Übersetzungen seit jeher
und zu Recht größte Bedeutung. Es wäre
undenkbar, von intensiven kulturellen Beziehung zwischen – beispielsweise –
Deutschland und Frankreich zu sprechen, wenn die Werke von Goethe, Brecht oder
Rilke nicht auf Französisch, und die Werke von Molière, Hugo oder Baudelaire
nicht auf Deutsch vorlägen. Die Anzahl
der Übersetzungen in die jeweils andere Sprache ist ein Gradmesser für die Intensität
der geistigen Beziehungen zwischen Völkern. Im Bezug auf die
deutsch-indonesischen Beziehungen ist in dieser Hinsicht bislang noch sehr
wenig geleistet worden. Die indonesische Literatur ist in Deutschland noch
nahezu unbekannt, und die deutschsprachige Literatur ist in Indonesien nicht
ausreichend präsent. Bislang gibt es – ohne Berücksichtigung der Jugend- und
Trivialliteratur – weniger als 25 Bücher mit Übersetzungen deutschsprachiger
Literatur ins Indonesische.
Als Malaiologe und
literarischer Übersetzer fühle ich mich seit langem aufgerufen, diesen
mißlichen Zustand zumindest ansatzweise zu verbessern. Dabei habe ich mich
insbesondere der Übersetzung lyrischer
Werke gewidmet, aus Neigung, aber auch, weil die Lyrik ein „Stiefkind“ der
literarischen Übersetzung aus dem Deutschen ins Indonesische und umgekehrt
gewesen ist. Deutschsprachige Lyrik in indonesicher Übersetzung lag bis zum
Erscheinen der Anthologie „Malam Biru di Berlin“, die ich 1990 gemeinsam mit
dem indonesischen Schriftsteller Ramadhan K.H. herausgegeben und übersetzt habe, nur in einem einzigen Buch vor, nämlich in
der 1952 von M. Taslim Ali herausgebenen Anthologie „Puisi Dunia“.
Die Idee zu einer
„Seri Puisi Jerman“, also einer Reihe, in deren Bänden Gedichte jeweils eines
deutschsprachigen Lyrikers in indonesischer Übersetzung vorgestellt werden
sollten, hatte ich, wenn ich mich recht erinnere, Mitte der neunziger Jahre.
Lange Zeit warb ich vergeblich um Unterstützung bzw. um die erforderlich
Förderung. Indonesische Verlage sind leider nicht sonderlich an solchen Buchprojekten
interessiert und erwarten in der Regel einen Druckkostenzuschuss. Erst nach der von
Bundeskanzler Helmut Kohl und Präsident Soeharto initiierten Gründung der
„Deutsch-Indonesischen Kommission für Sprache und Literatur“, deren Hauptziel
die wechselseitige Verbreitung deutscher und indonesischer Literatur ist,
stiegen die Aussichten auf (staatliche) Förderung. Das Auswärtige Amt bzw. die
Deutsche Botschaft Jakarta finanzierte schließlich die Publikation der ersten
drei Bände der Seri Puisi Jerman, also die Bände mit Gedichten von Rilke
(2003), Brecht (2004) und Celan (2005). Eine weitere
wesentliche Voraussetzung für die „Seri Puisi Jerman“ bestand darin, einen
kompetenten indonesischen Partner zu finden, der bereit war, deutsche Lyrik
gemeinsam mit mir ins Indonesische zu übersetzen bzw. nachzudichten. Einen
solchen Partner fand ich in dem indonesischen Lyriker Agus R. Sarjono, der
zudem auch Mitherausgeber der „Seri Puisi Jerman“ wurde. In Zusammenarbeit mit
Sarjono entstanden die Übertragungen der Gedichte von Brecht, Celan und Goethe
für die Bände II, III und IV, nachdem der erste Band der „Seri“
Rilke-Übersetzungen von Krista Saloh-Förster enthalten hatte. Die Beteiligung
eines indonesischen Lyrikers erwies sich im Hinblick auf die Qualität der Übersetzung
bzw. Nachdichtung als sehr bedeutsam. Auf jeden Fall wäre es mir alleine, als
Nicht-Muttersprachler des Indonesischen, nicht gelungen, Celan oder Goethe in
ein wirklich poetisches Indonesisch zu übertragen. Dies gelang erst durch die Zusammenarbeit mit Agus R. Sarjono.
Nach welchen
Kriterien wählen Sie die zu übersetzenden Lyriker aus?
Wir haben praktisch
die „freie Auswahl“. Es sind ja überhaupt erst sehr wenige deutschsprachige
Gedichte ins Indonesische übertragen und veröffentlicht worden. Vermutlich
weniger als vierhundert. Und vor der Veröffentlichung des ersten Bandes der
„Seri Puisi Jerman“ mit Lyrik von Rilke war in Indonesien kein einziges Buch
mit Gedichten eines einzelnen deutschsprachigen Lyrikers erschienen, es gab nur
ein paar Anthologien. Mindestens Dutzende deutschsprachiger Lyriker sind es
wert, in Indonesien durch Übertragungen ihrer Werke bekannt gemacht zu werden.
Und selbst wenn die „Seri Puisi Jerman“ in den nächsten zwanzig Jahren weitere
zwanzig Lyriker präsentieren könnte, so wäre das weniger als ein Tropfen auf
den heißen Stein. Das Hauptkriterium
für die Auswahl ist natürlich die Qualität der zu übersetzenden Lyrik bzw. die
Bedeutung der jeweiligen Lyriker. Die Herausgeber wollen Lyriker vorstellen,
die mit ihren Werken einen Beitrag zur Weltliteratur geleistet haben.
Gegenstand der „Seri Puisi Jerman“ sind deshalb die „ganz großen Namen“ der
deutschsprachigen Lyrik, und dass uns da der Stoff nicht ausgehen wird,
versteht sich von selbst. Aber konkret zu den
bisher erschienenen vier Bänden: Als mir Krista Saloh-Förster ihre
Rilke-Übersetzungen für den ersten Band anbot, war ich sofort einverstanden.
Mir schien dies ein guter Start für die „Seri“ zu sein. Rilke ist in Indonesien
unter Schriftstellern ein Begriff, Chairil Anwar z.B. hat sich mit Rilke
auseindergesetzt und in den vierzigern Jahren sogar einige Rilke-Gedichte ins
Indonesische übertragen. Aber natürlich hätte ich auch Hölderlin, Goethe,
Heine, Benn, Trakl etc. etc. akzeptiert. Nichts hätte dagegen gesprochen, mit
einem anderen großen Dichter zu beginnen. Und so sprach auch
nichts gegen Brecht als Lyriker des zweiten Bandes. Zumal Agus R. Sarjono mit
meinem dahingehenden Vorschlag sofort einverstanden war. Brecht ist neben Rilke
vielleicht der bedeutendste deutschsprachige Lyriker des 20. Jahrhunderts,
zudem sind die sozialkritischen Themen seiner Gedichte sicherlich relevant für
eine Gesellschaft wie die indonesische. Auch Brecht ist natürlich ein bekannter
Name in Indonesien, doch auch indonesische Schrifsteller kannten zumeist nur
seine dramatischen Werke. Was Paul Celan
angeht, der in Indonesien noch kaum bekannt war, so stand die Wahl dieses
Lyrikers für den dritten Band der „Seri“ auch im Zusammenhang mit meiner
persönlichen Vorliebe für diesen wohl bedeutendsten deutschsprachigen Lyriker
der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Mir schien aber auch die Thematik
eines Großteils der Celanschen Lyrik relevant zu sein, also das Thema
Holocaust, insbesondere, seitdem es in der islamischen Welt, und leider auch in
Indonesien, nicht selten zu verzerrten Darstellungen, ja sogar zur Leugnung des
Genozids am jüdischen Volk gekommen ist. Mich hat es in diesem Zusammenhang
übrigens sehr gefreut, dass der Bandunger Maler Herry Dim sich durch unsere
Übertragungen der Celanschen Holocaust-Lyrik ins Indonesische zu einem Zyklus
von Zeichnungen zu diesen Gedichten hat inspirieren lassen. Seine VideoArt auf
der Grundlage dieser Zeichungen sind dann Bestandteil der dem Celan-Band
beigefügten Video-CD geworden, zusammen mit den von Peter Habermehl musikalisch
begleiten Rezitation dieser Gedichte.
Dass im vierten Band
schließlich – und endlich! – Gedichte von Goethe vorgestellt wurden, bedarf
sich sicherlich keines erklärenden Kommentars. Auf – immerhin seltene – Fragen nach dem Grund dieser Wahl
„rechtfertige“ ich mich manchmal scherzend damit, dass dank dieses Buches immer
mehr Indonesier erfahren, das Goethe keinesfalls nur der Name des deutschen
Kulturinstituts ist ....
Wie verläuft die übersetzerische Zusammenarbeit mit Agus
R. Sarjono?
Ich habe ja schon erwähnt, dass die Beteiligung eines indonesischen Lyrikers entscheidend dafür ist, das die Übertragungen ins Indonesische poetische Qualität haben. Gemeinsam mit Sarjono bemühe ich mich darum, dass im Indonesischen sozusagen „neue Gedichte“ entstehen. Es geht also um Nachdichtungen des jeweiligen deutschen Textes.
Die Zusammenarbeit sieht wie folgt aus: Zuerst erstelle ich Zeile für Zeile eine relativ textnahe Übersetzung ins Indonesische, oft mit Alternativen, was einzelne Begriffe oder Phrasen angeht. Dabei kommt es häufig zu Nachfragen von Agus, der ja nur über Grundkenntnisse des Deutschen verfügt. Wir bemühen uns, den Text semantisch „auszuloten“. Nach Abschluss der textnahen Übersetzungen beginnt dann die Hauptarbeit von Sarjono, der diese Rohübersetzung gewissermaßen poetisiert, wenn möglich unter Beibehaltung der formalen Strukturen des deutschen Ausgangstextes, z.B. Metrum, Reim etc.
Die Anfertigung der finalen, also poetischen Fassung geht einher mit intensiven Diskussionen, ja sogar Auseinandersetzungen, wobei Sarjono natürlich in erster Linie an die Qualität des neu entstehenden indonesischen Gedichtes denkt und mitunter auch bereit ist, „semantische Opfer“ einzugehen, während ich selbst die Rolle des strengen Philologen einnehme, der sich in erster Linie dem Ausgangstext verpflichtet fühlt. Letzendlich muss immer wieder ein Kompromiss gefunden werden, der beide Seiten zufrieden stellt. Die Übertragung schon eines Vierzeilers kann Stunden erfordern, wobei sie auch dann noch nicht abgeschlossen ist, da es, und zwar im zeitlichen Abstand, stets eine zweite und dritte Bearbeitungsphase gibt. Nicht selten kommen wir auch zu der Überzeugung, dass unsere Übertragung poetisch nicht überzeugt und nehmen das Gedicht bzw. die Übersetzung dann nicht in das Buch auf. In der „Seri Puisi Jerman“ sind also lediglich die Gedichte erschienen, von denen wir meinen, dass ihre Nachdichtung einigermaßen gelungen ist.
Können Sie kurz
Ihre Erfahrungen, die Sie während Ihrer Lesereisen durch Indonesien gesammelt
haben, schildern?
Die Lesereisen, die
ich gemeinsam mit Sarjono in zahlreiche indonesische Städte unternommen habe,
sind sehr bedeutsam, um die „Seri Puisi Jerman“ und somit auch die deutsche
Literatur, insbesondere die Lyrik, in Indonesien bekannt zu machen. Ich bin dem
Goethe-Institut Jakarta und insbesondere Marla Stukenberg, der früheren
Leiterin der Programmabteilung sehr dankbar, dass diese Lesereisen finanziert
und – gemeinsam mit indonesischen Veranstaltern – organisiert wurden. Die
Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut Jakarta in Sachen „Seri Puisi Jerman“
begann ja bereits mit dem ersten Band der „Seri“, dessen „Launching“ im
GoetheHaus Jakarta und im Goethe-Institut Bandung stattfand. Der Erfolg dieses
Launchings brachte Marla Stukenberg auf die Idee, bilinguale Lesungen mit
Gedichten aus der „Seri Puisi Jerman“ auch an anderen Orten zu veranstalten,
und zwar unter Einbeziehung indonesischer Schriftsteller (z.B. Soni Farid
Maulana, Zaini K.M., Jamal D. Rahman, Joni Ariadinata, Acep Zamzam Noor, Zawawi
Imron, Danarto) als Rezitatoren oder auch als Moderatoren der Diskussionen, die
den Lesungen folgten. Besonders erfolgreich, ja geradezu
spektakulär, verliefen die Goethe-Lesungen im März 2007. Damals besuchten
Sarjono und ich verschiedene Pesantren, also islamische Bildungstätten. Im
Pesantren Al Amien Prenduan in Sumenep
auf Madura wurde uns ein großartiger Empfang bereitet. Der Kiayi, das geistige
Oberhaupt des Pesantren, nahm persönlich als Rezitator an der Lesung teil, die
in einer Art „Audimax“ des Pesantren-Kampus stattfand. Dort hatten sich vier
bis fünftausend Santris – Schülerinnen und Schüler, Studentinnen und Studenten
– eingefunden, um Goethe-Gedichte auf Deutsch und Indonesisch zu hören. Die Musikgruppe
des Pesantren hatte mehrere Gedichte aus dem Goethe-Band vertont, darunter das
Liebesgedicht „Woher sind wir geboren“. Als eingängigen Pop-Song, dessen
Refrain „dari cinta“ („aus Lieb’“) von
Tausenden Santris mitgesungen wurde. Mir wird diese Goethe-Lesung unvergessen
bleiben, auch deshalb weil der Kiayi just das Goethe-Gedicht aus dem
West-Östlichen Diwan rezitierte, welches wie folgt endet: „Daß aber der Wein
von Ewigkeit sei, / Daran zweifl' ich nicht; / Oder daß er vor den Engeln
geschaffen sei, / Ist vielleicht auch kein Gedicht. / Der Trinkende, wie es
auch immer sei, / Blickt Gott frischer ins Angesicht.“ Ich kommentierte das
Gedicht mit dem Hinweis darauf, dass ich persönlich die darin enthaltene
indirekte Aufforderung gerne und häufig
befolge, was den Kiayi dazu bewog, den Santris lächelnd mitzuteilen, das
man meinem Beispiel aber dennoch besser nicht folgen möge ....
Nicht weniger eindrucksvoll war die
Goethe-Lesung im Pesantren Cipayung im westjavanischen Tasikmalaya, dessen
kulturelle Aktivitäten von dem Schriftsteller Acep Zamzam Noer geleitet werden.
Auch dort hatte man sich auf die Veranstaltungen intensiv vorbereitet. Die
Theatergruppe des Pesantren präsentierte eine dramatisierte bzw. szenische Fassung des „Erlkönigs“, und als Rezitatoren
hatten sich etliche Schriftsteller aus Tasikmalaya eingefunden. Weitere
Goethe-Lesungen fanden, zuletzt im Frühjahr 2008, an islamischen Universitäten
statt, unter anderem im Dialoge Center der Universitas Islam Negeri in
Yogyakarta. Dort stand die Diskussion
über Goethes Rolle als Brückenbauer zwischen dem Islam und dem Westen im
Mittelpunkt, die Veranstaltung hatte eher akademischen Charakter.
All
diese Veranstaltungen haben - nicht zuletzt durch die Berichterstattung
in den Medien - zu einem gesteigertem Interesse an Johann Wolfgang von Goethe
geführt, und Sarjono und mir liegen eine Reihe von Anfragen indonesischer
Institutionen vor, die daran interessiert sind, ebenfalls Goethe-Lesungen mit
anschließenden Diskussionen durchzuführen.
Warum sind Ihrer
Meinung nach Gedichte von Goethe für indonesische Leser interessant?
Überall, und
natürlich auch in Indonesien, gibt es Menschen, die sich für Literatur und
speziell für Lyrik begeistern. Solche Menschen begrüßen es, wenn Werke eines
großen Dichters in Form von Übersetzungen in die eigene Sprache vorliegen. Und
so werden sich sicherlich auch viele Indonesier schon aus rein literarischen
Gründen für die Gedichte des größten deutschen Dichters „interessieren“.
Vermutlich wird sich in Indonesien zudem ein besonderes Interesse an Goethe
entwickeln, nachdem dort bekannt geworden ist, wie sehr sich Goethe dem Islam
verbunden fühlte. Und um dies zu errichen, haben wir ja in unserem Goethe-Band
einen besonderen Schwerpunkt auf islamisch inspirierte Goethe-Gedichte gelegt,
indem wir ein Kapitel speziell mit
Gedichten aus dem „West-Östlichen Diwan“ anlegten.
Welche Rolle
spielt Goethe bzw. Goethes Werk im Dialog mit dem Islam? Inwiefern können wir
noch heute davon profitieren?
Seit der Publikation von Katarina Mommssens umfassender
Studie „Goethe und der Islam“ im Jahre 1988 weiß auch der letzte Germanist,
dass Goethe sich dem Islam in intensivster Weise zugewandt hat. Goethe nimmt
als Brückenbauer zwischen Okzident und Orient eine einzigartige Stellung unter
den europäischen Geistesgrößen ein. Dies ist ein Glücksfall, auch für die
deutsche auswärtige Kulturpolitik in den islamisch geprägten Ländern
einschließlich Indonesien. Unser größter Dichter, das Symbol deutscher Kultur,
der unserem Auslandskulturinstitut den Namen gab, ist der Wegbereiter des Dialogs zwischen dem Westen und dem
Islam. Goethe hat uns Deutschen, uns Abendländern, aber auch den Orientalen
vorgemacht, wie mit dem „Anderen“, wie mit anderen Religionen und Kulturen
umzugehen ist. Nämlich
offen und mit der unbedingten Bereitschaft sich bereichern zu lassen. Für Goethe war die
Trennung zwischen Orient und Okzident längst überwunden bzw. hat es eine solche
nie gegeben. Dies drückt er in den berühmten Zeilen (Wer sich selbst und andre kennt, / Wird
auch hier erkennen: / Orient und Okzident / Sind nicht mehr zu trennen.) deutlich aus, und unter dieses Motto haben wir deshalb auch die
Goethe-Lesungen in Indonesien gestellt.
Wenn ich bei den Lesungen bzw. den darauf folgenden
Diskussionen darauf hinweise, dass Goethe dem Islam näher stand als dem
Christentum – was tatsächlich keine falsche Behauptung ist – und sogar von sich
gesagt hat, er sei „Muselmane“, so reagiert das Publikum zumeist erstaunt, aber
auch mit großer Begeisterung. Und wenn dann auch noch eindeutig belegt werden
kann, dass Goethe den Koran und die sufistische Poesie intensiv studiert und in
seinem Werk verarbeitet hat, ist auch das akademische Publikum ziemlich
beeindruckt. Solche Reaktionen des
indonesischen Publikums sind keine schlechte Grundlage, um sodann darauf
hinzuweisen, dass Goethe ein Gegner jeglichen religiösen Fundamentalismus war,
und dass seine religiöse Toleranz beispielsweise keinesfalls auf die
abrahamitischen Religionen begrenzt war. Dass für Goethe vielmehr der ganze
„Erdenkreis“, also somit auch die „Ungläubigen“, die Heiden und Polytheisten in
Gottes Frieden leben dürfen, und dass Goethe deshalb wie folgt dichtete: „Gottes ist der Orient! / Gottes ist der Occident! / Nord- und südliches
Gelände / Ruht im Frieden seiner Hände.“ Und ich kann in
diesen Diskussionen dann auch sagen, dass Goethe uns Pluralismus gelehrt hat.
Und dass ich selbst fasziniert bin vom freigeistigen Denken und Handeln
Goethes, der es in einer christlich geprägten Zeit und Umgebung gewagt hat,
sich für das Andere, Fremde zu begeisteren und dieser Begeisterung Ausdruck zu
verleihen. Und auch, dass ich durchaus Stolz empfinde, dass Goethe, obwohl er
den seinerzeit in Deutschland herrschenden Glaubensauffassungen widersprach
(Goethe galt ja zu seiner Zeit vielen als „Heide“), dennoch zum deutschen
Nationaldichter wurde, was ja nun doch auch für Toleranz und Aufgeschlossenheit
der Deutschen spricht.
Was ist für Band
V der „Seri Puisi Jerman“ geplant?
Nachtrag (25.8.2010)
Im Rahmen einer Förderung durch das Goethe-Institut Jakarta wird auch der sechste Band der "Seri Puisi Jerman" (Lyrik von Friedrich Nietzsche) im September 2010 in Indonesien erscheinen. Siehe auch:
http://www.goethe.de/ins/id/jak/de6420971v.htm