Gestickte Teppiche des 11. Jh.: der Tapiz de la creación aus Girona/Katalonien
und der Teppich von Bayeux
Der sogenannte Schöpfungsteppich von Girona wird im Schatz der Kathedrale dieser
katalonischen Stadt aufbewahrt, hinter Glas und zur Zeit noch mit schlechter Beleuchtung
(Lichtschonung der in Naturfarben eingefärbten wollenen Stickfäden ist nötig).
Er ist nicht in älteren Inventaren der Kirche sondern erst seit dem 19. Jh. bezeugt.
Der Entstehungsort ist unbekannt, jedoch eine Herstellung
in Katalonien wahrscheinlich.
Katalonien war von Karl d. Gr. und Ludwig d. Fr.
zwischen ca. 780 und 825 von den Muslimen zurückerobert worden. Die Zugehörigkeit
der Landschaft, die in erzählenden Quellen der Karolingerzeit als Spanische Mark
("marca Hispanica")
bezeichnet wird, zum (West)Frankenreich war eher nominell. Sie stand unter der Herrschaft
von Adelsgeschlechtern, aus denen sich die Grafen (z. B. die von Barcelona und die
von Girona) und auch die Bischöfe rekrutierten. Katalonien hatte eine Schlüsselrolle
bei der wissenschaftlichen
und künstlerischen Vermittlung zwischen den Königreichen des lateinischen Westeuropa
und der jüdischen und arabischen Kultur.
Der Teppich ist an der rechten Seite und unten
beschädigt (ausgefranst); wieviel unten fehlt, ist unsicher. Bis 1952 war der beschädigte
rechte Rand unten angenäht. Bei der Restauration und Reinigung wurde auch das schadhafte
Feld für den Monat April links ergänzt und geringfügige Schäden im Mittelteil
repariert. Im übrigen ist der Teppich unbeschädigt und weist
auch keine Verschleißspuren auf, was den Gebrauch als Decke ausschließt. Die Maßangaben
nach Palol (s.u.) für das erhaltene, restaurierte Stück sind: 3,65 m für die Höhe und 4,70 m
für die Breite. Das Bildprogramm ist auf einem feinen Wollgewebe mit farbigen Wollfäden in
Stielstich und Kettenstich gestickt und zwar so, dass im Unterschied zum Teppich von Bayeux, der
die Einzelszenen auf naturfarbenem Leinengrund präsentiert, der Hintergrund jedes Einzelbildes
voll ausgestickt ist - ähnlich also wie bei der Farbgebung in der Buchmalerei. Er wird auf
die 2. Hälfte des 11. Jh. datiert. Der Teppich von Bayeux ist relativ bekannt.
Für ihn beschränke ich mich auf eine kurze Erläuterung; Interessierte können sich
über die Links weiter informieren. Der Schwerpunkt dieser Seite liegt auf dem Teppich aus Girona.
Die Genehmigung des Kathedralkapitels von Girona für die Anfertigung und die
Internetveröffentlichung der Fotos wurde erteilt. Aufgrund der schlechten Lichtverhältnisse
vor Ort nahmen wir zusätzlich die Fotos der unten angegebenen
Katalanischen Seite von
Pilar Viladomiu und Canela Anna Zamora i Viladomiu mit ihrer Zustimmung zu Hilfe, die auf den Fotos im Band von Pere de Palol,
der im Literaturverzeichnis genannt wird, beruht. Dass die Farbwiedergabe trotz
Bearbeitung bei der Internetveröffentlichung leidet, ist unvermeidlich.
Stark aufgehellte Gesamtsicht des Tapiz de la creación, Girona (prov. Katalonien). Im Zentrum des Teppichs
steht im ersten Kreis die Darstellung eines jugendlichen Christus in der Haltung
des Pantokrators. Im konzentrischen Ring um diesen Kreis die Umschrift: Dixit quoque Deus fiat lux
et facta est lux (Genesis I,3). Um diesen ersten Schriftring ist wiederum konzentrisch
ein breiter Bildring gelegt (zu den Szenen s. unten), um den ein weiterer Schriftring die Umschrift trägt:
In principio creavit Deus celum et terram (Gen. I, 1) mare et omnia qua in eis sunt
et vidit Deus cuncta quae fecerat et erant valde bona (für den zweiten Teilsatz Gen. I, 31).
Die vier konzentrischen Kreise bzw. Ringe werden von einem Viereck umschlossen, in dem die
vier Windrichtungen dargestellt sind. Über, rechts und links von diesem läuft
ein in etwa gleich große, quadratische Flächen unterteiltes Band (zu dessen
Bildprogramm s. unter Kommentar). Zwischen den Seitenbändern und unterhalb der konzentrischen
Kreise befinden sich Reste einer Darstellung der Legende von der Kreuzauffindung.
Pantokrator, 1. Inschriftenring, 2. konzentrischer Kreis mit Schöpfungsepisoden,
2. Inschriftenring.
Details aus dem 2. konzentrischen Kreis (Schöpfungsepisoden).Als Engel der Zeit
der Finsternis ist die Figur nicht nur durch die Inschrift gekennzeichnet
"tenebre erant sup(er) faciem abissi", sondern auch bei Vergleich mit dem folgenden
Bild durch Farbgebung und Gesichtsausdruck.
Engel des Lichts ("lux"). Die beiden Engel umrahmen die Darstellung des Hl. Geistes
im oberen Teil des 2. konzentrischen Kreises.
Adam sucht erfolglos unter den erschaffenen Wesen seinesgleichen: "Adam n(on) inveniebatur
similem sibi". Abgesehen von dem Fabeltier Einhorn sind nur einheimische Tiere dargestellt
(keine Löwen usw.)
Die Tiere des Himmels "volatilia celi" und des Meeres "mare".
Der Kreis mit den Episoden der Schöpfungsgeschichte, aus dem die vorherigen Bilder
stammen, wird von einem Inschriftenring umschlossen und ist in ein Viereck eingebunden,
in dessen Ecken die Winde der vier Himmelsrichtungen dargestellt sind, hier links oben
der Nordwind (Inschrift: "Septentrio"). Obwohl alle vier Winde demselben Bildschema
folgen, nackt sind, Flügel an Schultern und Füßen tragen, auf Kalebassen reiten und aus zwei
Tuben blasen, unterscheiden sie sich in Einzelheiten und Ausdruck (s. folgendes Bild).
Der Nordwind ist der freundlichste und als einziger mit Geschlechtsmerkmalen dargestellt.
Sehr schön sieht man am Beispiel der Winde die fantasievolle Ausstickung des Hintergrundes.
Oben rechts: der Ostwind (Inschrift: "Subsolanus"). Finden Sie selbst die Unterschiede
zum Nordwind (vorheriges Bild) heraus.
Im äußeren Rand oben in der Mitte: das Jahr ("Annus"). Römische Tradition, vor allem
bei der Einbindung der Figur in ein helles Medaillon. In der rechten Hand trägt Annus
einen Rechen, mit der linken hält er ein Rad (der Zeit), vgl. die Darstellung des
Rads der Fortuna in den Fresken von Berghausen (Bild 6).
Am linken Rand, unterer Teil "Dies solis" (der Sonntag). In römischer Tradition wie
Apollo mit Quadriga dargestellt und in ein helles Medaillon eingebunden. Nicht nur
die Darstellung sondern auch die Benennung steht in römischer Tradition. Im
Mittelalter wird der Sonntag üblicherweise als "dies dominica" (Tag des Herrn)
bezeichnet und diese mittelalterliche Bezeichnung ist die Wurzel der Sonntagsbenennung
in allen romanischen Sprachen. Dem "Dies solis" korrespondiert auf dem rechten,
nur noch teilweise erhaltenen Rand des Teppichs der "Dies lunae".
Dieses und das folgende Bild gehören zu den Darstellungen der Monatsarbeiten (Menologium).
Doch sind sie sehr viel origineller als die üblichen Darstellungsweisen.
Dem März werden sonst meist die Pflugarbeiten
zugeordnet, die in Girona jedoch für den April verwendet werden (obwohl in den
Mittelmeerländern im April die Pflugarbeiten längst abgeschlossen sind). Die Darstellung des
März ("Marcius") zeigt oben links einen kalten Wind ("frigus"), rechts oben die Sonne.
Die Figur in der Mitte hält in der rechten Hand eine Schlange, in der linken eine Kröte
oder einen Frosch, unter der oder dem ein Storch ("ciconia") dargestellt ist. Das Bild
hält also das trotz kaltem Wind bei Sonne einsetzende Erwachen der Kaltblütler,
Reptilien und Amphibien, aus der Winterstarre fest und die Heimkehr der Störche,
für die die Amphibien eine Nahrungsquelle sind.
Der Juni wird in sonstigen Menologien durch die Heuernte gekennzeichnet, so z.B. in
der Buchmalerei des Breviari d'amor (vgl. Bild 5) oder in den
Fresken der Kirche von Brinay.
Hier jedoch ist unter einer von links scheinenden Sonne ("sol") eine Figur mit einer
Angel dargestellt, an der ein Fisch hängt. Der Angler bewahrt die bereits gefangenen
Fische in einem Gefäß neben sich auf. In der linken Hand hält er einen gegabelten
Ast, auf dessen oberem Teil ein Vogel sitzt. Von dem Ast hängt eine helle Schlinge
herunter, die offensichtlich mit dem Vogel zu tun hat. Ich möchte den Vogel als
Lockvogel deuten, mit dem andere Vögel angelockt und dann gefangen wurden. Lockvögel
wurden entweder in Käfigen oder an Schlingen dargeboten. Vogelfang ist für diese Zeit
in urkundlichen Quellen Norditaliens als parallele Handlung zum Fischfang reichlich
bezeugt. Die gefangenen Vögel dienten wohl mehrheitlich als Speise, seltener als
Sänger.
Besitz und alle Rechte: Kapitel (Cabildo) der Kathedralkirche von Girona.
Art der Kunstwerke
Mittelalterliche Textilien sind bis zum 12. Jh. aus verständlichen Gründen nur in
geringer Zahl überliefert. Wir haben einige Beispiele von Reliquienhüllen, Krönungs- und Messgewändern.
Bei all diesen Textilien kann man voraussetzen, dass es sich um Frauenarbeit handelt,
denn "opera textilia", von allen Stufen der Woll- und Leinenherstellung bis zur
kunsthandwerklichen Bearbeitung (auch importierter Materialien wie der Seide) sind
nach vielen Textzeugnissen (s.unten "Quellen und Literatur") Frauensache. Dies
schließt natürlich nicht aus, dass Aufträge und künstlerische Vorgaben (auch)
von Männern stammen konnten.
In erzählenden Quellen, von denen hier die "Gesta" (= Tatenberichte) der Äbte des
Klosters St. Wandrille an der Seine-Mündung (9. Jh.) genannt seien (Nachweise unten
"Quellen"), werden unter den Schenkungen der Äbte an verschiedene Klöster neben Büchern, Altargerät,
Einrichtungsgegenständen und Sakralgewändern auch "stragula" (= Decken) und "tapetia"
(= Wandteppiche) genannt, einmal interessanterweise auch ein "stragulum hispanicum", was
bedeutet, dass Spanien Mitte des 9. Jh. für die Herstellung solcher Stoffprodukte
einen gefestigten Ruf und also wohl auch eine anerkannte Tradition besaß.
Decken und Wandteppiche konnten mehrere Funktionen haben: Decken für die Abdeckung von
Altären und Bänken (dann müssten sie Gebrauchsspuren aufweisen), Wandteppiche als
Zierat, als Raumteiler, zum Verschluss von Fensteröffnungen (die Nutzung von Fensterglas,
seit dem Römischen Reich bekannt, verbreitet sich erst seit dem 12. Jh.).
Kommentar
Das Bildprogramm des konzentrischen Kreises umfasst in abgeteilten
Segmenten, oben beginnend und im Uhrzeigersinn: den Hl. Geist als Taube, den Engel
des Lichts, die Trennung von Firmament und Wasser, die Szene in der der erschaffene Adam
unter den Tieren vergeblich seinesgleichen sucht, die Erschaffung
der Vögel und Fische, die Erschaffung Evas, Die Erschaffung des Firmaments, den Engel
der Finsternis. Das Bildprogramm des umlaufenden Bandes umfasst (was nur teilweise erhalten ist,
steht in runden, was nur erschlossen ist in eckigen Klammern):
links:[Januar, Februar], Dies solis, März, April, Mai, Juni;
oben: Geon, Samson, Sommer, Herbst, das Jahr/Annus, Winter, Frühling, nicht sicher
identifiziert - vielleicht - Kain, (Fison);
rechts: (Juli, August, September, Oktober, Dies lunae), [November, Dezember].
Jedes Einzelbild ist mit einer knappen schriftlichen Erläuterung versehen. - Das Bildprogramm
präsentiert die Thematik stringent. Geon(Gehon) und Fison (Phison) in den Ecken oben sind zwei der
vier Flüsse, die nach Genesis II, 11-14 das Paradies begrenzen. Die beiden anderen, Euphrat
und Tigris bildeten möglicherweise die heute zerstörten unteren Ecken. Annus (Jahr)
in der Mitte des oberen Bandes, Dies solis und Dies lunae auf gleicher Höhe links
und rechts haben insofern einen Bezug zum Schöpfungsmythos der Genesis, als Gott als
Schöpfer von Sonne und Mond, Tag und Nacht und damit der irdischen Zeiteinteilung
beschrieben wird; auch Jahreszeiten und Monate sind nach diesem Konzept der Schöpfung
zuzuordnen. Lediglich die beiden alttestamentlichen Darstellungen oben (Samson
und - vielleicht - Kain) und natürlich die Kreuzauffindungslegende unten fällt aus
dem ansonsten schlüssigen Konzept heraus. Die einheitliche Erstellung des Teppichs
ist durch Einheitlichkeit von Material, Farben, Sticktechnik, Stil und
Buchstabenformen gewährleistet.
Auffällig ist, dass die Monate nicht nur durch typische Arbeiten sondern
durch eine auf dem Kopf getragene Mondsichel gekennzeichnet sind (tatsächlich orientieren
sich die Monate ja am Mondzyklus). Auffällig ist weiter, dass alle Personen einschließlich
des Schöpfers jung wirken; Greise kennt die Darstellung nicht. Bärte tragen im Kreis der
Schöpfungsepisoden nur Adam, der Winter und das Jahr (annus) im oberen Band sowie Judas und einer
der Juden in der Kreuzauffindungslegende. Zur Ikonographie konsultiere man die unten
an zweiter Stelle angegebene katalanische Seite. Kreis- und Viereckform haben symbolische
Bedeutung: die Kreisform ist Symbol für die himmlische Vollendung, die Viereckform
für die irdische. Die kreisförmige und von einem Band umschlossene Anordnung ebenso wie die
Fluss- und Sonnendarstellung haben Vorbilder in römischen Fußbodenmosaiken. Die
durchkomponierte Thematik sowie die handwerkliche Qualität sprechen für traditionelle
und etablierte Professionalität.
Der Teppich von Bayeux
Mit Wollfäden in acht verschiedenen Farben auf Leinen wurde zwischen
1066 und 1082 der Teppich von Bayeux gestickt, der im Unterschied zum Teppich von
Girona nicht ein theologisches sondern ein historiographisches Programm hat. Auf einem
Stoffband von insgesamt 70 m Länge und 0, 50 m Höhe wird in einer Bildergeschichte
aus Einzelszenen, die durch Kurztexte erklärt werden, eine (tendenziöse) Darstellung
der normannischen Eroberung Englands und ihrer Vorgeschichte präsentiert. Einzelbilder
des Teppichs sind wegen des weltlichen Inhalts sowie der Darstellung von Rüstungen,
Waffen, Schiffen usw. relativ bekannt.
Fragen, die man sich selbst oder anderen stellen kann
Welche Pflanze ist Grundlage für die Leinenherstellung? Welche
Arbeitsgänge der Herstellung bei Leinengewebe kennen Sie? Und welche Arbeitsgänge
für die Gewinnung und Herstellung von Wollfäden? Vergleichen Sie die Teppiche von
Girona und Bayeux hinsichtlich Farben- und Mustervielfalt!
Quellen und Literatur
1. Die im Abschnitt "Art des Kunstwerks" genannten Gesta der Äbte von St. Wandrille:
F. Lohier, J. Laporte, Gesta sanctorum Fontanellensis coenobii, Rouen 1936, erwähnen
als Schenkungen des Abtes Ansegis (gest. 833) an das Kloster Luxeuil (S. 100) u. a. acht
"tapetia optima", als Schenkungen desselben Abtes an das Kloster St. Wandrille (S. 102)
u. a. ein "stragulum hispanicum" und vier "tapetia". - 2. Textilarbeiten als "Frauensache"
werden angesprochen in der Vita des Bischofs Burchard von Worms aus dem 2. Viertel
des 11. Jh., in der es von Mathilde, der Schwester Burchards, heißt (MGH SS 4, c. 12,
S. 837):"ad opera muliebria solertissima, et feminas ad rerum textrilium diversitatem doctas
habuit et in conficiendis vestibus precioribus mulieres".
1. Literatur zur frühmittelalterlichen Frauenarbeit z. B.: L. Kuchenbuch, Opus feminile.
Das Geschlechterverhältnis im Spiegel von Frauenarbeiten im früheren Mittelalter,
in: Weibliche Lebensgestaltung im frühen Mittelalter, hg. v. H.-W. Goetz, 1991, S.
139-175. - Das grundlegende Werk zum Tapiz de la creación: Pedro (Pere) de Palol,
El tapís de la creació de la catedral de Girona, 1986 (in katalanisch). In
spanisch zum Vergleich zwischen den beiden Teppichen: Mena Gonzalez, Dos tapices
bordados medievales: el de la creación y el de Bayeux, in: Revista de Girona 92,
1980, S. 159-172. - Von kunstgeschichtlicher Seite: M. Schuette und S. Müller-Christensen,
Das Stickereiwerk, Tübingen 1963 (dort auch zur Sticktechnik S. 7-12, zu Bayeux S. 11).