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Ryoan-ji

Der Garten des Ryoan-ji gehört zu einem vielbesuchten Nationalschatzes des alten Japan, dem Daisen-in. Dieser wiederum gehört zu einem Subtempel des zur Rinzai-Zen-Schule gehörenden Daitoku-ji in Kyoto, der im 16. Jahrhundert als Gesamtkunstwerk entstand. Während die Malereien der Schiebewände heute in Nationalmuseen aufbewahrt werden, blieb der berühmte Karesansui-Garten unversehrt erhalten, und das Hauptgebäude, der Hojo, gilt als Paradebeispiel für die baugeschichtliche Entwicklung in dieser Periode. Man befindet sich im Daisen-in inmitten einer Glanzleistung der japanischen Kultur.

Der Garten des Ryoan-ji

Um 1490, schuf ein genialer Künstler den Garten des Ryoan-ji, der wie der "Ozean der Leerheit" des Daisen-in von der Südseite des Hojo aus zu betrachten ist. Auf geharktem feinen Kies sind fünf Steingruppen aus insgesamt fünfzehn Steinen zueinander und zu der leeren Weite um sie in ein staunenswertes Verhältnis gesetzt worden. Trotz der begrenzenden Mauer und trotz der festen Materie des Gesteins schwingt hier letztendlich eine ungreifbare lichte Grenzenlosigkeit. Gestalt und Nichtgestalt fügen sich zu einer wunderbaren Einheit.

Die Einbindung in eine alte Tradition

Wahrscheinlich verfaßte Tachibana no Toshitsuna (1028- 1094), ein Sohn Fujiwara Yorimichis, des Erbauers der Phönix-Halle des Tempels Byodo-in in Uji bei Kyoto, die »Aufzeichnung über die Errichtung von Gärten«, die jahrhundertelang die japanische Gartenkunst beeinflußte. Im folgenden seien einige Sätze daraus.

Das erste Zitat betrifft die Situation zu Beginn der Arbeit: »Stellt man Steine auf, trägt man zuerst große und kleine Steine zusammen. Die Steine, die vertikal aufgerichtet werden sollen, stellt man mit der Spitze nach oben auf; diejenigen, die flach liegen bleiben, legt man mit der Oberseite nach oben auf die Gartenfläche.«

Ob man sich vorstellen darf, daß alle verfügbaren Steine zunächst nach dieser Regel gut überschaubar deponiert wurden um zu prüfen, für welche Stelle ein jeder wohl geeignet wäre? Vermutlich beschäftigte den führenden Geist eine Grundidee, die er nun mit dem vorhandenen Material zu realisieren suchte.

Über die Reihenfolge der Aufstellung liest man in der » Aufzeichnung«:

» Beim Aufstellen von Steinen setzt man zuerst den kantigen Hauptstein und stellt dann die übrigen Steine in Übereinstimmung mit dem Charakter des Hauptsteines auf.«

»Ein Stein, der einen steilen Bergabhang darstellt, soll so stehen, wie man einen Stellschirm (byobu) aufstellt oder so wie eine Tür, die angelehnt steht oder so, wie eine Treppe gesetzt wird.«

Die beiden letzen Zitate stellen die Frage zur Diskussion, inwieweit sich der Gartenkünstler des I6. Jahrhunderts bereits aus der Tradition magischer Vorstellungen gelöst haben mag. Das erste lautet:

» Beim Errichten von Gärten gibt es viele Verbote. Verstößt man dagegen, so heißt es, befällt den Besitzer eine Krankheit, schließlich stirbt er, der Ort verödet und wird sicherlich zum Sitz der Dämonen. « Es folgen sehr konkrete Anweisungen, zum Beispiel diese: » Einen Stein, der höher als vier oder fünf Shaku (1,20 bis 1,50 m) ist, soll man nicht im Nordosten aufstellen, sonst wird er zum Geisterstein oder zum Markierungspunkt, der den Dämonen den Weg weist. Deswegen kann man dort nicht lange leben. Stellt man aber im Südwesten die Steine der buddhistischen Trinität auf, so entsteht kein Übel und die Dämonen gelangen nicht herein.« Der Erbauer des Daisen-in Gartens setzte sich über Befürchtungen der Vorfahren hinweg, indem er Fudo- und Kannon- Stein genau im Nordosten aufstellte. War er von den alten Ängsten des magischen Denkens frei?

 

Zitiert nach: Wachtmann, H., von Kruse, I.: Daisen-In: Ein Zen-Tempel des 16-Jahrhunderts in Kyoto. Hirmer Verlag München

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