Im Reich des Übersinnlichen
Von Ultraschall, Fledermäusen und Vampiren
Novalis:
Trägt nicht alles,
was uns begeistert,
die Farbe der Nacht?
Als Ultraschall werden Schallwellen bezeichnet,
die mit einer so hohen Frequenz (15.000 -
15.000.000 Wellen pro Sekunde) schwingen, dass sie
das Hörvermögen des menschlichen Ohres
übersteigen. Hierzu macht man sich den
sogenannten piezoelektrischen Effekt zunutze, der
1880 von Piere Curie, Chemieprofessor an der
Sorbonne in Paris, und seiner Gattin und
Nachfolgerin Marie Curie an Quarzen entdeckt wurde.
Man versteht darunter die Eigenschaft bestimmter
Kristalle, elektrische Energie in mechanische
Energie umzuwandeln. Ein Stromstoss kann also so
einen Kristall in Schwingungen versetzen, die sich
in Form von Schallwellen auf die Umgebung
fortsetzen. Auch der umgekehrte Weg ist
möglich: wechselnde mechanische Kräfte
wie z.B. Schallwellen können durch den
Kristall in elektrische Signale verwandelt werden.
Dabei können sehr hohe Energien entstehen:
Falls eine hochfrequente Wechselspannung und die
Eigenfrequenz der Kristalle übereinstimmt,
kann mit bestimmten technischen Vorrichtungen
(parabolische Hohlschwingquarzen) nahe dem
Brennpunkt eine Schallenergie erzeugt werden, die
auf gleichem Querschnitt mehr als das 10.000-fache
eines Kanonenschusses beträgt.
Als das Prinzip der Ultraschall-Erzeugung erst
einmal etabliert war, ergaben sich die
Anwendungsbereiche wie von selbst: mit Ultraschall
kann man im Meer sowohl feindliche U-Boote wie auch
eher willkommene Herings- und
Thunfischschwärme aufspüren, in der
Produkrtion dient Ultraschall zur
Werkstoffprüfung, Ultraschall kann
Papierblätter entflammen, Gase durch
entsprechende Sirenen entstäuben, die Struktur
makromolekularer Stoffe verändern und sonst
nicht mischbare Flüssigkeiten, z.B.
Wasser/Quecksilber oder Wasser/Öl, emulgieren.
Weniger beliebt beim Publikum ist die Verwendung
von Ultraschall unter gleichzeitiger Ausnutzung des
Doppler-Effekts in Radar-Fallen.
Allgemeinen Beifall findet dagegen die
Ausnutzung von Ultraschallwellen in der Medizin,
und zwar sowohl im therapeutischen Bereich zur
Behandlung von Neuralgien und chronisch
entzündlichen Knochen- oder
Gelenkveränderungen als auch, und hiervon soll
zunächst kurz die Rede sein, in der
Diagnostik.
1942 veröffentlichte K.T. Dussik in der
Zeitschrift für Neurologie und Psychatrie
einen Artikel, in dem er erstmals die
Möglichkeit beschrieb, Ultraschallwellen zur
Diagnostik einzusetzen. Dabei erwies sich einmal
mehr, daß die brillianteste Idee nichts
nutzt, wenn ihre Anwendung am falschen Objekt
erfolgt. Dussik bestand nämlich darauf, seine
Methode am menschlichen Gehirn auszuprobieren. Von
allen Organen war nun das Gehirn am wenigsten
geeignet, da es vollständig vom
Schädelknochen umgeben wird, der zumindest mit
damaligen Methoden nur sehr unvollständig vom
Ultraschall zu durchdringen war. Um die
Schallqualität zu verbessern, wurden Wannen
konstruiert, die mit Wasser gefüllt wurden und
in die der Patient während der Untersuchung
seinen Kopf einzutauchen hatte. Geholfen hat dies
nicht viel, zudem war die Methode nur für
Patienten mit robuster Konstitution geeignet.
Auch als man später dazu überging, den
ganzen Menschen in eine wassergefüllte Wanne
zu setzen und ihn mit einem schwenkbaren Arm, an
dem eine Ultrschallsonde befestigt war, abzutasten,
erwies sie sich als wenig praktikabel. Sie geriet
infolgedessen zunächst einmal wieder in
Vergessenheit.
Erst in den 60-iger Jahren nahm die
Ultrschalltechnik in der diagnostischen Medizin
einen, diesmal allerdings gewaltigen, Aufschwung.
Man untersuchte jetzt vor allem die Organe und
Weichteile des Bauchraums und lernte dort Tumoren,
Steine und Flüssigkeitsansammlungen zu
erkennen. In Zürich war es R. Otto, damals
Oberarzt am radiologischen Institut, der den
Ultraschall am Universitätsspital als
diagnostisches Verfahren einführte, begleitet
übrigens von der gar nicht so heimlichen
Skepsis zahlreicher Etablierter.
Das Prinzip des Ultraschalls in der
diagnostischen Medizin beruht darauf, daß
Ultraschallwellen in den Körper ausgesandt und
dort vom Gewebe teils absorbiert, teils
zurückgeworfen, also reflektiert werden. Die
reflektierten Ultraschallwellen kommen zum Sender,
also der Schallquelle, zurück und werden dort
in elektrische Energie umgewandelt. Diese wird
über eine nachgeschaltete Elektronik zum
Aufbau eines Bildes verwendet.
Unterschiedliches Gewebe führt zu einem
unterschiedlich grossen Anteil von reflektierten
Ultrschallwellen; so wird ein Stein in einer
Gallenblase mehr Schallwellen zurückwerfen als
die umgebende Galle, wodurch der Stein im
Ultrschallbild reflexreich oder sehr hell
erscheint. Ein Tumor in der Leber, der dem Schall
weniger entgegensetzt als das umgebende
Lebergewebe, wird auch weniger Ultraschallwellen
reflektieren und sich daher dunkler als das
Lebergewebe darstellen.
Wie erwähnt gelang es dem Forscherehepaar
Curie erstmals, mit Hilfe piezoelektrischer
Kristalle Ultraschallwellen zu erzeugen. Wie aber
gelang es dem Menschen nachzuweisen, daß ein
im eigentlichen Sinne übersinnliches
Phänomen wie der ja nicht hörbare
Ultrschall überhaupt existiert ? Wie immer bei
bedeutenden Forschungsergebnissen lautet die
Antwort: Durch genaue Beobachtung der in der Natur
vorkommenden Phänomene, logische
Verknüpfung der dabei gemachten Erfahrungen
und eine leidenschaftslose Versuchsanordnung. Das
Versuchsobjekt, mit dessen Hilfe man dem Ultrschall
auf die Spur kam, war ein Tier aus dem Dunkel der
Nacht, die Fledermaus.
Großer
Röhrennasenflughund
Schon früh haben sich Naturforscher
gefragt, welche Fähigkeiten es den
Fledermäusen erlauben, im Dunkeln auf
Beutefang zu gehen und dabei im schnellen Flug
nicht an Hindernisse zu stossen, sondern sie mit
Leichtigkeit zu umgehen. Sollte die Fledermaus
imstande sein, auch in der Nacht kleinste
Helligkeitsunterschiede mit ihren Augen
aufzunehmen? Dies ist immerhin von einigen anderen
Tierarten bekannt.
Die Forschung, sofern sie sich ihren lebendigen
Gegenständen verpflichtet weiß, geht
stets von der Prämisse aus, daß einzelne
Exemplare zum Wohl der Gattung bedauerlicher-, aber
unumgänglicherweise, leiden müssen. Von
dieser schonenden Rechtfertigung ließ sich
auch ein Mann mit dem klangvollen namen Lazzaro
Spalanzani, Zoologe, Tierexperimentator, Physiologe
und Bischof von Pavia in einer Person, leiten, als
er 1793 Fledermäuse blendete, um
festzustellen, wie sie sich, ihres Augenlichtes
beraubt, im Raum bewegten. Spallanzani hatte
zunächst senkrechte Wollfäden in einem
Raum ausgespannt, in dem er gefangene Tiere fliegen
ließ. Die nicht geblendeten Fledermäuse
flogen problemlos zwischen den aufgespannten
Fäden hindurch. Die eigentliche Entdeckung
machte Spallanzani jedoch, als er feststellte,
daß auch die blinden Fledermäuse
unbehelligt passierten. Diese Ergebnisse
veröffentlichte Spallanzani 1794.
Damit war ein Stein ins Rollen gekommen, der
jedoch nicht sogleich bis an den Grund der Wahrheit
rollte. Der zweite Schritt wurde in Genf getan:
Dort führte Charles Jurin, ebenfalls
Naturforscher und Physiologe, folgendes Experiment
durch: er verstopfte Fledermäusen die Ohren,
blendete sie aber nicht. Es stellte sich nun heraus
- auch Spallanzani überzeugte sich davon -,
daß die zwar sehenden, jedoch ihres
Gehörs beraubten Fledermäuse ihren
Orientierungssinn verloren hatten und nicht mehr in
der Lage waren, Hindernisse zu umfliegen. Doch
wurden aus diesem Experiment nicht die richtigen
Schlüsse gezogen. Man blieb vielmehr bei
Spallanzanis erstem Experiment stehen und folgerte,
daß alles auf den Tastsinn der
Fledermäuse zurückzuführen sein
müsse, wenn es, wie bewiesen, das
Sehvermögen nicht sein könne.
Eine Koryphäe trat auf den Plan. Georges
Baron de Cuvier (1769 - 1832), vergleichender
Anatom und Paläontologe, war einer der
berühmtesten Naturforscher seiner Zeit und
Verfechter der in verschiedenen Abwandlungen auch
heute immer noch beliebten Katastrophen-Theorie,
nach der alle Lebewesen von Zeit zu Zeit durch eine
universale Katastrophe vernichtet und später
gegebenenfalls wieder neu erschaffen werden. De
Cuvier stellte nun die These auf: Fledermäuse
spüren an ihren Flügeln die Luftstauung,
die bei Annäherung an einen Gegenstand
entstehe.
Diese These erschien einleuchtend und elegant,
und die wissenschaftliche Welt gab sich mit ihr
über 100 Jahre lang zufrieden. Falsch war sie
trotzdem. 1864 formulierte Alfred Brehm sehr
vorsichtig: "Man hat mehrfach Versuche gemacht,
Fledermäuse zu blenden, indem man ihnen ein
Stückchen englisches Pflaster über die
Augen klebte. Sie flogen aber trotz ihrer Blindheit
noch genau ebenso geschickt im Zimmer umher als
sehend und verstanden es meisterhaft, allen
möglichen Hindernissen, z.B. vielen, in
verschiedenen Richtungen durch das Zimmer gezogenen
Fäden, auszuweichen". Und nun kommt es: "Der
Sinn des Gefühls mag nun erstentheils in der
Flatterhaut liegen, wenigstens scheint dies aus
allen Beobachtungen hervorzugehen". Doch Brehm
läßt sich nicht von vorgefaßten
Meinungen beirren und schreibt weiter: "Weit
ausgebildeter aber als dieser Sinn sind Geruch und
Gehör". Allerdings zog auch Brehm keine
Konsequenzen aus dieser Feststellung, konstatierte
jedoch immerhin noch: "Es ist unzweifelhaft,
daß die Fledermaus vorbeifliegende Kerbtiere
schon in ziemlicher Entfernung hört und durch
ihr scharfes Gehör wesentlich in ihrem Fluge
geleitet wird.", um kühl fortzufahren:
"Schneidet man die blattartigen Ansätze oder
die Ohrlappen und Ohrdeckel ab, so werden alle
Flattertiere in ihrem Flug ganz irre und stossen
überall an".
Erstes Ergebnis von erneut angestellten
Forschungen, die immer noch von Spallanzani
ausgingen und für die man sich natürlich
wieder an Fledermäusen vergreifen mußte,
führten im ersten Drittel des Jahrhunderts
zunächst zu dem Ergebnis, daß der
große de Cuvier sich geirrt hatte.
Fledermäuse wurden die für den Tastsinn
zuständigen Flügel unempfindlich gemacht:
sie flogen trotzdem ohne erkennbare Behinderungen.
Der Tastsinn war somit nicht des Rätsels
Lösung. Erst als man den Fledermäusen die
Ohren verstopfte, verloren die Tiere ihren bis
dahin sicheren Orientierungssinn.
Da Spallanzanis Fäden ebenso wenig wie die
anderen in der Natur vorkommenden Gegenstände
Töne produzierten, mußte man sich
zwangsläufig fragen, wer denn jene Töne
aussendet, die eine Fledermaus hören
müsse, um sicher durch den Raum zu fliegen.
Die Antwort: nur sie selbst konnte es sein.
In keinem der üblichen Konversationslexika
findet sich der Name des holländischen
Forschers Dijkgraaf. Dieser setzte seinen
Fledermäusen eine papierne Maulkappe auf, die
sich öffnen und schließen ließ.
Bei geöffneter Klappe flogen die Tiere
perfekt, bei geschlossener Klappe gerieten sie ins
Schlingern. Damit war man bei der Wahrheit
angekommen. Akustik hieß das Zauberwort, auf
das die Menschen allein deshalb so lange nicht
kamen, weil die von der Fledermaus
ausgestoßenen Töne für das
menschliche Ohr viel zu hoch sind. Während das
Gehör des Menschen Schwingungen und Frequenzen
zwischen 16-20000 Hertz wahrzunehmen vermag, liegt
die Frequenz der von Fledermäusen produzierten
Töne zwischen 30.000 und 70.000 Schwingungen
pro Sekunde. Die Flugsicherheit der
Fledermäuse beruht auf einer Echopeilung. Sie
senden in rascher Folge Ultraschalltöne aus,
die von den Gegenständen zurückgeworfen
werden und von den Tieren als Information
aufgenommen und "verstanden" werden. Das Weltbild
der Fledermaus ist ein Hörbild.
Hier ist die Stelle um auf ein grundlegendes
Werk der Fledermausforschung zu verweisen. In
seinem Opus magnum "Aus dem Leben der
Fledermäuse und Flughunde" berichtet der
Forscher Martin Eisentraut von dem entscheidenden,
die Existenz von Ultrschallwellen beweisenden
Experiment: "Zum Abschluß all dieser
glänzenden Versuche gelang schließlich
auch der bisher noch fehlende Nachweis, daß
Fledermäuse die hochfrequenten Töne
wirklich hören können und imstande sind,
die Richtung des aufgenommenen Schalls
festzustellen. Ein Abendsegler wurde auf einem
künstlich hervorgebrachten Ultraton von 40
Kilohertz in der Weise dressiert, daß dem
Tier jedesmal bei einem Tonsignal ein Mehlwurm
gereicht wurde. Sehr bald hatte die Fledermaus
beides in Verbindung gebracht und reagierte nun bei
Auslösung des Tones mit einem Heben des Kopfes
und später sogar mit einem Anfliegen der
Schallquelle".
Der Beweis war damit erbracht.
In diesem Zusammenhang ist auf das Ohr der
Fledermaus zu verweisen, das selbst dem
ungeübten Beobachter als auffallend groß
erscheint
Braunes Langohr
Diese überdimensionierten Ohren dienen den
Fledermäusen dazu, die Echos der von ihnen
ausgestossenen Orientierungssignale aufzufangen. Ob
die Signale durch das Maul oder die Nase
aussgestossen werden, hängt davon ab, um
welche von zwei großen Gruppen von
Fledermäusen es sich handelt, um Hufeisennasen
oder Glattnasen. Die Hufeisennasen
Kleine Hufeisennase
, wie z.B. das auch hierzulande vorkommende
Grosse Mausohr (Myotis myotis) tragen einen
bemerkenswerten Nasenaufsatz, der den Glattnasen
Fischfressende Glattnase
fehlt. Der Nasenaufsatz erlaubt ihnen, die
Töne zielgerichtet zu senden und
Gegenstände -seien es Hindernisse, seien es
Beute - auf größere Entfernung
anzupeilen.
Dinge, die 8 m von ihr entfernt sind, kann die
Hufeisennase noch orten. Dabei fliegen die
Hufeisennasen mit geschlossenem Maul und stossen
durch die Nase hohe, lange Pfeiftöne aus.
Anders die Glattnasen: ihr Ton ist explosionsartig
kurz und reicht nur für kurze Entfernungen von
etwa 1 m; sie erzeugen den Ton mit dem Maul. Die
von den Ohrmuscheln eingefangenen Echos werden
über die Gehörknöchelchenkette zum
Innenohr mit der Schnecke und von dort zum
Hörnerven übertragen. Das ist noch nichts
besonderes. Doch weisen die Fledermäuse schon
im Innenohr einen trennscharfen Hörfilter auf,
der ihnen erlaubt, in ihrem Ortungssystem mit einer
akustischen Trennschärfe zu arbeiten, die bis
zu fünfzigmal höher ist als bei anderen
Säugetieren. Dies ist auch notwendig, da
Fledermäuse, wenn sie beispielsweise im
Blatttwerk eines Baumes nach Insekten jagen,
vielfältige Signale sowohl von den Beutetieren
wie auch von den Zweigen und Blättern
empfangen, die auseinandergehalten werden
müssen.
Natürlich hat sich der Mensch nicht damit
zufrieden gegeben, gegenüber den
Ultrschalltönen taub zu bleiben. Über den
Bat-Detektor werden die Ultrschalltöne
hörbar gemacht. Abgesehen davon, daß die
Forschung nie aufhören kann, den verborgenen
Dingen in der Natur nachzustöbern,
läßt sich an hochspezialisierten
Werkzeugen von Lebewesen einer großen
Gattung, wie zum Beispiel der Säugetiere, auch
Grundsätzliches über das Funktionieren
von Organen überhaupt herausfinden. Also
wissen wir durch die Erforschung des
Fledermausohres mehr über die Vorgänge in
unserem eigenen Gehör.
Die hohe Spezialisierung des Fledermausohres ist
um so erstaunlicher, daß als wir bei den
Fledermäusen mit einer uralten Spezies von
Säugetieren zu tun haben. So fand man
versteinerte Fledermäuse in der unter
Forschern der Erdvergangenheit berühmten Grube
Messel in der Rheinischen Tiefebene
nordöstlich von Darmstadt. Die Wissenschaft
fand heraus, daß die Funde aus der Messeler
Grube aus dem Erdzeitalter des Eozän stammen,
in dem die höheren Säugetiere sich zu
entwickeln begannen. Auch Überreste von
Krokodilen wurden dort entdeckt, ebenso wie das
berühmte Messeler Urpferdchen, eine Vorform
von sich gerade entwickelnden Säugetierarten.
Ganz anders die Fledermaus. Erstaunt nahm die
Wissenschaft zur Kenntnis, daß dem
Körperbau zufolge diese hochspezialisierte
Säugetierart ihre Entwicklung bereits im
Eozän abgeschlossen hatte.
In dem berühmten Weltengespräch
zwischen Felix Krull und dem Professor Kuckuck aus
Lissabon läßt Thomas Mann den Gelehrten
auf die Frage, wann man das Eozän schrieb
antworten: " Kürzlich. Es ist Erdenneuzeit,
etwelche 100.000 Jahre zurück, als zuerst die
Huftiere aufkamen."
Was die Zahl angeht, untertrieb der Dichter.
Tatsächlich fand das Eozän vor etwa 60
Mio. Jahren statt, jedenfalls zu einer Zeit, die
den Menschen noch nicht kannte. Wir sollten der
Fledermaus also mit Hochachtung und
gebührendem Respekt begegnen.
Statt dessen verspürt ein Teil des
Publikums bei näherer Bekanntschaft mit
Fledermäusen immer noch ein schlecht
unterdrücktes Unbehagen. Eher harmlos mutet in
diesem Zusammenhang die Furcht vorwiegend
weiblicher Individuen an, daß eine Fledermaus
sich in ihre Frisur verirren könnte. Dies ist
Aberglaube: Fledermäuse bevorzugen für
ihren Aufenthalt Dachböden, Felsspalten,
Baumhöhlen und Stollen. Bedenklicher ist,
daß etwas von verlorenen Seelen oder Seelen
auf Urlaub in den Köpfen spukt. Mit ihrem
nächtlichen Wispern steht die Fledermaus seit
Ovid für das Unheimliche bis auf den heutigen
Tag. Der römische Dichter beschreibt es als
Strafe, daß die Töchter des Königs
Minyas wegen ihrer Mißachtung des Gottes
Bacchus in Fledermäuse verwandelt wurden. Ihr
Haus füllte sich mit blendender Glut und
"Längst verbargen sich schon im Hause die
Schwestern,/ Jede gesondert, und suchten die Glut
und die Helle zu meiden; / Wie sie so Dunkelheit
suchen, umzieht ihre schrumpfenden Glieder /
Dünne Haut und bekleidet mit zarten Schwingen
die Arme. / Aber auch welche Art sie die
früheren Formen verloren, / Ließ das
Dunkel nicht sehen. / Zwar nicht ein Gefieder erhob
sie; / Dennoch schwebten sie hoch mit
helldurchsichtigen Flügeln / wollten sie
reden, erklang im Verhältnis zum Leibe nur ein
schwaches / Zirpen und sie beklagen ihr Leid mit
leisem Gewisper./ Häuser bewohnen sie nur,
nicht Wälder, und fliegen nur nachts,/
Lichtscheu und Fledermäuse genannt nach dem
Flattern am Abend." So waren, hier in der
ausgezeichneten Übersetzung von Thassilo von
Scheffer, die Fledermaus aus dem Mythos geboren. Es
waren menschliche Wesen, die in nächtliche
Flatterer verwandelt wurden. Das war
entwicklungsgeschichtlich zwar unhaltbar, doch
lebte die Figur des Fledermausmenschen in Mythen
und Volksmärchen fort. Ihre entschiedenste
Ausprägung fand sie in der bluttriefenden
Gestalt des Vampirs.
Gemeiner Vampir
In den tropischen Nächten Mittel- und
Südamerikas geht nach Einbruch völliger
Dunkelheit eine Fledermausart auf Beutefang, deren
Gebiß eigentümlich verändert ist.
Die Zahl der Zähne ist auf zwanzig vermindert,
die Vorderzähne haben messerscharfe Schneiden.
Es handelt sich hier um Vertreter der Familie der
Echten Vampire, von denen der bekannteste der
Gemeine Vampir (Desmodus rotundus) ist. "Gemein"
beschreibt hier keine Charaktereigenschaft, sondern
spielt auf die Tatsache an, daß Desmodus
rotundus erheblich weiter verbreitet ist als z.B.
sein Artgenosse, der kleine Blutsauger (Diphylla
ecaudata). Wie bei allen Fledermausarten handelt es
sich auch hier um hochspezialisierte Individuen,
die nicht nur über messerscharfe
Schneidezähne, sondern auch über kleine
Hautpolster an Fußsohlen und Handgelenken
verfügen, die es ihnen erlauben, sich
geräuschlos und ohne daß das Opfer aus
dem Schlaf erwacht, auf ihren Blutspender,
ausschließlich Warmblütern,
niederzulassen. Das Opfer, meist Rinder, Pferde,
Ziegen, Hunde, Schweine, selbst Hausgeflügel
und gelegentlich ein schlafender Mensch spürt
den schnellen Biß nicht. Das reichlich
austretende Blut wird mit der Zunge aufgeleckt,
nicht wirklich ausgesaugt. Obwohl die aufgenommene
Blutmenge so beträchtlich ist, daß der
Leib des Vampirs bei einer Mahlzeit zusehends
anschwillt, hält der Blutverlust sich doch
meist in Grenzen. Gefährlicher ist die
Übertragung von Krankheiten durch den
Biß eines Vampirs, wie z.B. einer speziell in
Mittel- und Südamerika auftretenden
Pferdeseuche und vor allem der Tollwut.
Nach Bekanntwerden dieser beunruhigenden
Einzelheiten aus der Neuen Welt breiteten sich in
Europa fantastische Vorstellungen und allerhand
Aberglaube aus. Fledermäuse wurden mit Hexen
und Teufeln in einen Topf geworfen,
bezeichnenderweise wurden in der Malerei der
Spätrenaissance und des Barock, aber auch des
ausklingenden Rokoko (Francisco Goya) und der
Moderne (z.B. in den Federzeichnungen von Alfred
Kubin) der Teufel, der einen Heiligen oder eine
Jungfrau belästigt, mit
Fledermausflügeln, Engel dagegen
grundsätzlich mit Vogelschwingen ausgestattet.
Der Mythos von Blutsaugern war in der Alten Welt
jedoch bereits vor der Entdeckung Amerikas
präsent.
So beschreibt der Vampir-Ethnologe Gabriele
Rossi Osmida als Ahnin der Vampire Lilith, Adams
erstes Weib, das im jüdischen Volksglauben als
blutsaugendes Nachtgespenst vorkommt, sich am roten
Meer mit den Dämonen vereinigt und mit ihnen
täglich mehr als 100 Blutsauger gezeugt haben
soll. Aus der griechischen Mythologie
überliefert ist die Schrecken verbreitende
Gestalt der Empusa, die sich tagsüber in ein
schönes Mädchen verwandelt und nachts den
Durst mit dem Blut der Liebhaber stillt. Im
Deutschland Martin Luthers wurden Vampire
zunächst als Nachzehrer, Blutsauger und
Leichenfresser bezeichnet, neben allerhand anderen
vampirischen Attributen schrieb man ihnen auch die
Ausbreitung von Epidemien zu. Der eigentliche
Begriff Vampir stammt dagegen aus dem Serbischen
und wird im Deutschen, so das Handwörterbuch
des deutschen Aberglaubens, erstmals 1732
erwähnt. Vorher schon war im "Mercure galant"
über wiederkehrende Blutsauger in Russland und
Polen berichtet und dazu bemerkt worden, daß
man diese dort Vampire nenne. Im Handbuch des
deutschen Aberglaubens wird der Vampir demnach den
Nachzehrern zugeordnet und als eine besondere Rasse
der Wiedergänger definiert, der auf irgendeine
Art seine Angehörigen oder auch andere
Menschen nach sich in den Tod ziehe. Präziser:
als Vampir wird nur jene Klasse von
Wiedergängern bezeichnet, "von denen
ausdrücklich gesagt wird, daß sie den
Lebenden Blut aussaugen". An anderer Stelle
heißt es, der Vampir falle nachts die Leute
an, insbesondere Verwandte, denen er sich auf die
Brust lege - vom ausgesogenen Blut werde der Vampir
"aufgeblasen wie ein gefüllter Schlauch" -
eine, wie wir aus der Beobachtung
südamerikanischer Fledermaus-Vampire wissen,
durchaus der Realität entsprechende
Beobachtung.
Wie wird man Vampir ? Der Spezialist Klaus
Völker nennt in seiner 1968 in der "Bibliothec
Dracula" erschienenen Beschreibung folgenden
Personenkreis: "Christen, die sich zum Islam
bekehren liessen, Priester mit Todsünden,
Exkommunizierte und Menschen, die keine
Sterbesakramente empfangen haben". Weitere
Kandidaten sind ungetauft gestorbene Kinder, Tote,
in die am 40. Tag ein böser Geist fährt,
und Leichen, über die eine Katze oder sonst
ein Tier gegangen ist. In England verwandeln sich
hauptsächlich Ausländer in Vampire, und
zwar Franzosen, die auf englischem Boden gefallen
sind. In Osteuropa mutieren vorzugsweise solche
Personen zu Vampiren, die mit Türken in
Kontakt standen. Die Idee des Vampirismus ist also
völkerübergreifend. Allerdings variieren
die Merkmale des Vampirs. Nach slawischer Tradition
hat er rote, nach griechischer blaue Augen. Die
Zähne werden aber in sämtlichen
Überlieferungen als übergroß
beschrieben. Typisch vampirisch sei es, so das
Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens,
"wenn sich bei einem Toten Blutflecken auf dem
Gesicht, besonders an den Fingernägeln zeige,
wenn die Leiche langsam erkaltet, oder wenn ein
Mensch mit Zähnen oder einer Glückshaube
auf die Welt gekommen sei". Dagegen entspringt die
Vorstellung, daß der Vampir geheiligte Erde
mit sich führt, um sich tagsüber darin
schlafen zu legen, ebenso eher der literarischen
Fantasie als dem Volksglauben wie die Ansicht, ein
Vampir sei im Spiegel nicht zu sehen.
Als Abwehrmittel gegen den Vampir wird
empfohlen, die Leiche auszugraben und ihr mit einem
Spaten den Kopf abzustechen, anschließend ist
der Kopf zwischen die Beine zu legen und Erde
zwischen Kopf und Rumpf zu streuen. Ist eine
Pfählung der Leiche nötig, geschieht dies
mit einem Pfahl aus Dorn, Espen- oder Eschenholz.
Bleibt auch dieses, ebenso wie das Annageln im Sarg
wirkungslos, muß die Leiche verbrannt werden.
Notabene sind dies keine Maßnahmen zur
Bestrafung des Blutsaugers, sondern, so Rossi
Osmida, notwendige Aktionen, um den Vampir vom
rastlosen Zustand des Untoten zu befreien.
Der spektakulärste Fall im 18. Jahrhundert
war der des Haiducken Arnold Paole, eines Mitglieds
der ungarischen Infanterie also, der zu Lebzeiten
selbst das Opfer eines Vampis gewesen sein soll.
Nach seinem Tod soll er "in dem Dorf Medvegia
einige Personen durch Aussagen des Bluts umgebracht
haben". Und weiter heißt es dazu in der
"Bibliothec Dracula": "Um nun dieses Übel
einzustellen, haben sie diesem Arnold Paole in
beyläuffig vierzig Tage nach seinem Tod
ausgegraben, und gefunden, daß er gantz
vollkommen und unverwesen sey, auch ihm das frische
Blut, zu denen Augen, Nasen, Mund und Ohren
herausgeflossen, das Hemd, Übertuch und Truhe
gantz blutig gewesen, die alten Nägel an
Händen und Füssen samt der Haut
abgefallen, und dargegen neue andere gewachsen
sind, meinen sie nun daraus ersehen, dass er ein
würcklicher Vampyr sei, so haben sie demselben
nach ihrer Gewohnheit einen Pfahl durchs Hertz
geschlagen, wobey er einen wohlvernehmlichen
Gächzer gethan, und ein häuffiges
Geblüt von sich gelassen; Wobey sie den
Cörper gleich selbigen Tag gleich zu Asche
verbrennet und solche ins Grab geworffen", so der
Vampyr-Experte Montague Summers, zitierte nach
Georges Waser, NZZ (Neue Züricher Zeitung).
In einigen Berichten aus jenen Zeiten ist ein
Unterton von Hysterie nicht zu verkennen, und wie
zu allen Zeiten bis auf den heutigen Tag die
Menschheit gelegentlich ein Bedürfnis nach
apokalyptischen Szenarien hat (vergleiche in diesem
Zusammenhang die rezidivierenden
Weltuntergangs-Prophezeihungen US-amerikanischer
Sekten, die Verlautbarungen des Club of Rome, das
jeweils Neueste vom Ozonloch, die
Schlußsequenz in R. Polanskis "The Fearless
Vampyre Killers" etc.), so fürchtete man
damals die Entvölkerung ganzer Landstriche
durch den grassierenden Vampirismus. Zu
erwähnen ist in diesem Zusammenhang auch der
spektakuläre Auftritt eines Erzvampirs in
Slovenien, der am Abend nach seinem Begräbnis
den Pfarrer aufsuchte, um ihm für die
schöne Zeremonie zu danken; Berichten zufolge
sprang der Pfahl, mit dem der Wiedergänger
schließlich durchbohrt werden sollte,
wiederholt wie von einem Trommelfell zurück.
Solches also zu einer Zeit, als über Europa
der Glanz der sogenannten Aufklärung
leuchtete. Überheblichkeit ist gleichwohl
nicht angebracht. Laut Gabriele Rossi Osmida wurden
in Polen in jüngster Zeit noch Vampire zur
Strecke gebracht. Noch 1967 fanden dort nach einem
Bericht der NZZ auf dem Londoner Friedhof von
Highgate noch Vampirjagden statt, als dort
Schulmädchen gesehen hatten, "wie sich die
Gräber auftaten und die Toten aufstanden". Ein
weiteres Zitat aus der NZZ: Im englichen
Stoke-on-Trend erstickte 1973 ein Pole an
Knoblauchzehen, die er sich zum Schutz gegen
Vampire in den Mund gesteckt hatte. Hirngespinste ?
Produkte einer überhitzten Phantasie? Statt
einer Antwort sei auf eine Veröffentlichung
von H.D. Mummendey und Mitarbeiterinnen verwiesen:
De Vampyris - auf dem Wege zu einer sozialen
Psycho-Physiologie des akuten Vampyrismus, 1982,
(Litzelstätter Libellen, Abteilung
Handbüchlein und Enchiridia). In dieser
über Fachkreise hinaus beachteten Untersuchung
erfolgte bei 35 Altvampiren eine multifunktionale
Erstellung bidimensionaler Elektrodentogramme beim
akuten Akt. Die überraschenden Ergebnisse
werden in der Publikation unter emotions- und
handlungstheoretischen Gesichtspunkten diskutiert.
Verfasser: Dr. G. Stuckmann und
Prof. Dr. H. Strunk
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