Rheinische Friedrich-
Wilhelms-Universität Bonn
Zentrum für Kommunikations-
und Medienwissenschaft
 



>> Auswertung der Studie "Kirchen online"
          Beten, trauern und Seelsorge im Netz

Das Internet hat sich zum Infotainment-Portal der Superlative entwickelt, welches dem einzelnen ungeahnte Möglichkeiten eröffnet. Selbst die Religiösität hat ihren Weg in die Online-Welt gefunden in Form von Online-Gebeten, virtuellen Pfarrern oder Seelsorge-Chats.
Wir, ein Forscherteam des Zentrums für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Bonn, haben eine Befragung zu diesem spannenden Thema per Online-Fragebogen durchgeführt. Wir haben nachgeforscht: Wer nutzt derartige Dienste und warum?
Nun ist es endlich soweit und die Ergebnisse der Studie, die wir Ihnen natürlich nicht vorenthalten wollen, liegen vor. Im Folgenden erläutern wir kurz unsere zentralen Ergebnisse bezüglich der einzelnen Fragen.



>> Welche virtuellen Angebote werden genutzt?


Die größte Popularität kommt reinen Informationsangeboten wie dem Abruf von Veranstaltungsinfos der Gemeinde, Predigttexten oder des Gemeindebriefs zu. Eher dialoghafte und interaktive Bereiche wie Online-Gespräche mit Pfarrern, Glaubenschats oder -foren bleiben dahinter deutlich zurück. Die Bereiche Online-Beichte (2 Nennungen) und virtuelle Friedhöfe (0 Nennungen) schließlich werden anscheinend (noch) nur selten bzw. gar nicht genutzt. Viele Teilnehmer merkten an, dass sie sich beispielsweise eine Online-Beichte nur schwerlich vorstellen können.

Um Ihnen auch die Möglichkeit zu geben, von Ihnen genutzte Angebote zu nennen, die wir nicht bedacht haben, hatten wir eine Kategorie “Andere” eingerichtet. Hier kamen vor allem folgende Nennungen vermehrt vor:

•   kirchliche Radiosender (z. B. ERF, Dom-Radio, etc.)
•   diverse Newsletters mit kirchlichen Thematiken
•   gezielte Suche nach Gottesdienst-Zeiten, Verlautbarungen, Tageslosungen o. ä.



>> Wie oft werden die Angebote von Online-Kirchen genutzt?


Mit dem Zugang zum Internet hat man auch automatisch Zugriff auf alle zuvor genannten virtuellen Angebote, zumindest sofern man diese kennt und nutzt. Daher haben wir uns entschieden allgemein nach der Nutzungshäufigkeit aller Angebote zu fragen und nicht – wie später im Falle der “realen” Angebote (siehe Frage 6) geschehen – auf jedes einzelne bezogen.
Dabei ist festzustellen, dass nur 10,6% der Befragten eine tägliche Nutzung angaben und die meisten stattdessen eher zu “mehrmals pro Woche”, “einige Male im Monat” bzw. “alle paar Monate” tendierten, alle drei Bereiche machen jeweils ungefähr ein Viertel der Gesamtzahl aus.
Auf den ersten Blick mag es paradox erscheinen, dass immerhin 15,2% “nie” angekreuzt haben und im ersten Moment möchte man meinen, dass hierin eine Verfehlung der Zielgruppe zu sehen ist. Um so wertvoller waren jedoch die Stimmen dieser Teilnehmer, die oftmals durch Nennung interessanter Aspekte im Bereich der Nachteile von Online-Angeboten (siehe Frage 4) zum Verständnis der insgesamt noch sehr zurückhaltenden Nutzung beigetragen haben.



>> Wie ist man auf die virtuellen Angebote aufmerksam geworden?


Wie aus dem Diagramm hervorgeht, sind die meisten Nutzer erstaunlicherweise doch eher zufällig auf das virtuelle Angebot der Kirchen aufmerksam geworden. Viele gaben auch an, durch Verlinkungen der Gemeinde-Homepage oder anderer Seiten darauf gestoßen zu sein. Ein weitaus geringerer Teil hat diese über Geistliche empfohlen bekommen. Auch im familiären Umfeld sowie im Freundeskreis scheint kaum ein Austausch in dieser Hinsicht stattzufinden. Gerade wenn man sich den geringen Anteil betrachtet, den die Werbung ausmacht, kann man hier nur betonen, dass das gezielte aufmerksam machen seitens der Betreiber noch erheblich ausgebaut werden sollte, um für einen höheren Bekanntheitsgrad zu sorgen.

Auch hier gab es wieder die Möglichkeit, eigene Aspekte einzubringen, wobei viele Teilnehmer die gezielte Suche per Suchmaschine nannten, jedoch auch jeweils aus Eigeninitiative und nicht angeregt durch Werbemaßnahmen.



>> Warum werden diese Angebote genutzt (bzw. nicht genutzt)? Welche Vor- bzw. Nachteile werden gesehen?

Bei der Bitte um Nennung von Vor- und Nachteilen der virtuellen Angebote nannten 68,2% der Befragten Vorteile gegenüber Angeboten der realen Kirchengemeinden und 53,0% sahen Nachteile. Im Einzelnen wurden v. a. folgende Aspekte besonders häufig erwähnt:

Vorteile:   Nachteile:
•   schnell, aktuell   •   fehlender persönlicher Bezug, zu anonym
•   bequem von zu Hause aus abrufbar   •   kein haptisches Erlebnis
•   24 Stunden am Tag verfügbar, zeitliche Flexibilität   •   meist lange Wartezeiten auf Antwort
•   auch für Kranke und Behinderte geeignet   •   verfehlt in mancher Hinsicht das eigentliche Wesen der Kirche, Werte wie Gemeinschaftlichkeit, etc.
•   große Bandbreite des Angebots und zugleich Möglichkeit der selektiven Information   •   nicht immer aktuell
•   weltweiter Kontakt und Austausch möglich   •   fehlender lokaler Bezug
•   unpersönlich, anonym   •   oftmals ein sehr schlechtes Webdesign
•   mehr Ruhe und Zeit zum Nachdenken   •   teilweise durchsetzt mit störender Werbung
•   Suchmöglichkeit, Verlinkungen, “Blick über den Tellerrand”   •   “Freaks” im Chat, fehlende Glaubwürdigkeit mancher Teilnehmer, fehlende “Qualitätskontrolle”
•   Geldersparnis und Umweltschutz durch geringeren Papierverbrauch   •   (noch) geringer Bekanntheitsgrad

Interessant ist hierbei, dass manche Teilnehmer der Studie Vorteile in Aspekten sehen, die andere als Nachteil anführten. So wurde die bei virtuellen Angeboten gegebene Anonymität von vielen als vorteilhaft angesehen, andere hingegen wünschten sich gerade den persönlichen Bezug und ein Gegenüber im Gespräch. Wie subjektiv unterschiedlich die Auffassungen sind, zeigt sich auch am Beispiel der Aktualität, die teils hervorgehoben und teils kritisiert wurde.



>> Ersetzen die Online-Kirchen die Gemeinde?


Hier zeichnete sich ein recht deutliches Meinungsbild ab. Keiner der Teilnehmer der Umfrage gab an, dass für ihn die virtuellen Angebote die realen komplett ersetzen können, nur 10,6% sprachen von einer teilweisen Verdrängung und die eindeutige Mehrheit von 87,9% sah keinerlei Verdrängungsprozess. Als Fazit kann man daher festhalten, dass die virtuellen Online-Angeboten der Kirchen lediglich Ergänzung, keinesfalls jedoch Ersatz der realen Angebote sind.



>> Welche "realen" Angebote der Gemeinde werden genutzt und wie oft?

Beten:

Gottesdienst / Messe:

Beichte:

Besinnung (Meditation, Exerzitien, etc.):

Friedhofsbesuch:

Gemeindearbeit:

Veranstaltungen (z. B. Gemeindefest, Kirchentag, etc.):

Die Tendenzen, die aus der Auswertung dieser Fragestellung hervorgehen, sind weitgehend konform mit dem, was auch schon bezüglich der entsprechenden Online-Angebote hervorgehoben werden konnte. Bereiche wie das persönliche Gebet, Gottesdienstbesuche oder Veranstaltungen der Gemeinde werden deutlich stärker wahrgenommen als beispielsweise die Beichte oder Möglichkeiten der Besinnung und Meditation. Eine klare Unterscheidung muss in der Kategorie Friedhofsbesuch vorgenommen werden, in der hier viele “mehrmals im Monat” oder “mehrmals im Jahr” angaben. Bei der Nutzung virtueller Friedhöfe hingegen gab es keine einzige Nennung, was wiederum zeigt, dass die virtuellen Möglichkeiten die realen nicht zu verdrängen vermögen. Gerade anhand dieses Extrembeispiels wird deutlich, dass sich auch nicht alle Angebote bei einem breiten Nutzerkreis durchsetzen können, sondern oftmals im Umfeld einer sehr speziellen Minderheit verbleiben.

Unter dem Stichwort “Andere” wurden u. a. folgende Dinge genannt:

•   Mitarbeit in diversen Gemeinde-Projekten
•   Tätigkeit im Kirchenchor, Singkreis o. ä. kirchenmusikalischen Einrichtungen
•   Teilnahme an Vorträgen oder sonstigen Informationsveranstaltungen.



>> Zu den Teilnehmern der Umfrage

Geschlecht:

Hier wurde – trotz des leichten Überschusses männlicher Teilnehmer – ein recht ausgewogenes Verhältnis erreicht.

Alter:

Die Mehrheit der Befragten lag in der Altersgruppe zwischen 20 und 49 Jahren.

Herkunft:

Wir möchten Sie darauf hinweisen, dass die Herkunft der Befragten stark von der Verlinkung des Fragebogen abhing, die leider nicht bundesweit gleichermaßen erfolgen konnte, so dass sie in dieser Kategorie gezeigten Ergebnisse nicht als repräsentativ angesehen werden können.

Konfession:

Hier gilt das gleiche, was bereits im Absatz zuvor erwähnt wurde, da auch hier eine starke Beeinflussung durch die Verlinkung nicht zu verhindern war.



>> Danke!

Wir möchten uns abschließend noch einmal bei allen Teilnehmern dieser Studie bedanken. Auch allen Webmaster der Seiten, über die unser Online-Fragebogen verlinkt war, sei an dieser Stelle gedankt. Ohne Sie wäre dieses Projekt nicht möglich gewesen und Sie haben einen wesentlichen Beitrag zu unserer Forschungsarbeit geleistet.

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