Im April 2009 hat die Abteilung Altamerikanistik und Ethnologie der Universität Bonn
in Zusammenarbeit mit dem Denkmalamt (INAH) des mexikanischen Bundesstaates Campeche ein
neues Grabungsprojekt zum Thema "Expansion und Zerfall hegemonialer Herrschaft im
Mayagebiet" gestartet.
Die Forschungen unter Leitung von Prof. Dr.Nikolai Grube und Dr. Iken Paap konzentrieren
sich auf die archäologische Stätte Uxul, einen Ort im heutigen Bundestaat
Campeche, nahe der Grenze zu Guatemala im Biosphärenreservat von Calakmul, dem größten
zusammenhängenden tropischen Waldgebiet Mexikos.
Uxul wurde 1934 von den amerikanischen Archäologen Ruppert und Denison entdeckt
und beschrieben.
Aufgrund seiner extremen Abgeschiedenheit blieb der Ort in den kommenden 70 Jahren
für die Forschung verschollen, bis er im Jahr 2005 von Forschern der slowenischen
Akademie der Wissenschaften und der Universität Bonn wiederentdeckt wurde.
In Folgejahren führte eine Forschergruppe der Universität Bonn unter Leitung von
Prof. Dr. Nikolai Grube und Dr. Iken Paap in Kooperation mit der mexikanischen
Altertumsbehörde INAH drei Feldkampagnen in Uxul durch, die das Ziel hatten,
ein großes archäologisches Forschungsprojekt vorzubereiten und eine topographische
Gesamtvermessung der archäologischen Stätte vorzunehmen.
Uxul liegt zwischen den großen Maya-Städten El Mirador im Süden und Calakmul im Nordosten.
Beide Orte spielen eine zentrale Rolle in der gesellschaftlichen und kulturellen
Entwicklung der Maya-Kultur: El Mirador gilt als das bedeutendste städtische
Zentrum der Präklassik (600 v. Chr. bis 250 n. Chr.), und Calakmul war das
bedeutendste politische Zentrum und Sitz der einflussreichen Kaan-Dynastie in der
Klassik (250 n. Chr. bis 900 n. Chr.).
Die Existenz von zahlreichen beschrifteten Monumenten in Uxul bietet die Möglichkeit,
archäologische Befunde mit historischen Daten über die lokale Königsdynastie und ihre
politischen Strategien zu kombinieren.
Während die Hieroglypheninschriften nur eine kurze Zeitspanne von etwa 70 Jahren abdecken
(622 – 692 n. Chr.) und vor allem von dynastischen Beziehungen zu dem überregionalen Zentrum
Calakmul berichten, lassen die ersten Befunde aus der Oberflächenbegehung und der Analyse
der Baustratigraphien in den von Raubgräbern hinterlassenen Schächten eine lange
Besiedlungsdauer, vermutlich von der späten Präklassik bis in die Postklassik erwarten.
Während das benachbarte El Mirador und weitere Siedlungen in der Umgebung in der späten
Präklassik aufgegeben wurden, ging Uxul aus den Transformationsprozessen am Ende der
Präklassik offenbar unbeschadet hervor.
Nachdem der Ort in der folgenden Klassik zunächst Zentrum einer unabhängigen politischen
Einheit war, berichten die Inschriften von der Eingliederung Uxuls in den Regionalstaat
von Calakmul in der Zeit der späten Klassik.
Die letzten Inschriften von Uxul datieren 692 n. Chr. und deuten auf ein frühes Ende
der Königsdynastie hin. Bei der topographischen Aufnahme der Siedlung wurden jedoch
einzelne Gebäude lokalisiert, deren konstruktive und formale Eigentümlichkeiten
charakteristisch sind für die Endklassik und die frühe Postklassik.
Das Auseinanderfallen der höfischen Kultur auf der einen Seite und die Aufgabe der Siedlung
durch die Wohnbevölkerung auf der anderen Seite können ein ganz neues Licht auf die Frage
nach dem Ablauf und der Ursache des so genannten Maya-Kollapses werfen.
Das Ausgrabungsprojekt geht von der Hypothese aus, dass sich die Zentralisierung
und der Zerfall hegemonialer staatlicher Strukturen nicht nur auf eine kleine soziale
Gruppe – die lokale Königsdynastie und ihr unmittelbares Umfeld – ausgewirkt haben,
sondern auch auf andere Ebenen der Gesellschaft.
Das Projekt will damit eine der Kernfragen der Maya-Archäologie erforschen,
nämlich die Frage, inwieweit die Veränderungen der politischen Strukturen und der
Herrschaftsformen die gesamte Maya-Gesellschaft berührten und in welcher Weise
welche Gruppen der Bevölkerung in diese Transformationsprozesse einbezogen waren.
Es ist anzunehmen, dass die politische Integration mit ökonomischen Veränderungen
einherging, die sich auch im archäologischen Befund erkennen lassen: Brandspuren,
mutwillige Zerstörungen, die Verschleppung von Skulpturen aber auch Veränderungen
der Siedlungsmuster können über die Art und Weise der Expansion hegemonialer
Staaten, aber auch über deren Zerfall Aufschluss geben.
Die Exploration des Südens des mexikanischen Bundesstaates Campeche wurde von der National Geographic Society (Committee for Research and Exploration, Grants Nos. 7592-04 und 7756-04 an Dr. Iván Sprajc) finanziert. Die drei Feldkampagnen 2006, 2007 und 2008 wurden mit Mitteln der DFG und aus Anreizmitteln der Universität bezahlt. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft wird die geplanten Grabunngskampagnen 2009 und 2010 finanzieren (GR1182/4-1).